Marinus Schöberl - Potzlow

Der Mord in Potzlow sorgte aufgrund seiner Brutalität, der in ihm zum Ausdruck kommenden gesellschaftlichen Zerrüttung und Barbarisierung für bundesweite Aufmerksamkeit.
Gedenken an marinus schöberl
Foto: Archiv Opferperspektive

Kurz nach Bekanntwerden der Tat, am 30. November 2002 demonstrierten antifaschistische Gruppen unter dem Titel "Potzlow ist überall!" in dem Ort und führten die Ereignisse auf herrschende gesellschaftliche Zustände zurück, in denen rechtsextremes, menschenverachtendes Gedankengut alles andere als eine Ausnahme darstellt. Fünf Jahre nach der Tat reflektierten an der Demonstration beteiligte AktivistInnen aus der Uckermark noch einmal ihre Aktivitäten und hoben hervor, dass die gesellschaftlichen Bedingungen, die zum Mord von Potzlow führten, immer noch bestünden. Ihre Überlegungen und eine umfangreiche Presseschau ist auf dem Brandenburger Internetportal inforiot unter http://inforiot.de/potzlow dokumentiert.

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Kurz nachdem das Urteil im Prozess gegen die Täter gesprochen wurde, wurde auf Initiative der evangelischen Kirchengemeinde und mit Unterstützung der Gemeinde Oberuckersee im Oktober 2003 am Rande des Marktplatzes von Potzlow ein Gedenkstein errichtet. Darauf stehen Namen und Lebensdaten des Ermordeten und darunter, im Sockel, das Bibelzitat „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt auf Erden.“ (1. Mose 8, 21). Die Aufstellung des Gedenksteines stieß vor Ort auf Widerstand, nicht alle Potzlower waren dafür, dass dieser an einem zentralen Platz im Ort aufgestellt werden sollte. Auch in den folgenden Jahren blieb die evangelische Kirche vor Ort Trägerin des Gedenkens an Marinus. So gab es zum zehnten Todestag in der Dorfkirche eine Gedenkandacht. In ihrer Andacht betonte die Pfarrerin Heidi Enseleit, wie wichtig die Erinnerung für das Leben einer Gemeinschaft sei. „Jedes Dorf hat seine Geschichten, sowohl Heilsgeschichten als auch Unheilsgeschichten“, sagte sie. Sie erinnerte an die Trauer und den Schock, den die Potzlower erfahren hatten, nachdem der brutale Mord im November 2002 bekannt geworden war. Inmitten des Dorfes sei das Unfassbare geschehen, begangen von Jugendlichen, die man kannte, die in Familien aufwuchsen, die in der Nachbarschaft lebten. [2] Darüber hinaus geschah in Potzlow jedoch relativ wenig. Vor Ort aktive SozialarbeiterInnen u.a. beklagten, dass eine wirkliche Aufarbeitung, ein wirkliches Erinnern nicht stattgefunden hätte. Stattdessen hätten sich die meisten DorfbewohnerInnen schon bald bemüht, die Tat zu bagatellisieren bzw. einen Schlussstrich zu fordern.

Außerhalb von Potzlow wurde der Mord zum Subjekt künstlerischer Auseinandersetzungen mit rechter Gewalt und der sie hervorbringenden Gesellschaft. [1] Andres Veiel und Gesine Schmidt produzierten 2005 das Theaterstück „Der Kick“, das ein Jahr später auch verfilmt wurde. Mit den Mitteln des Dokumentartheaters wird versucht, die Tat in soziale, politische und historische Kontexte einzubinden, ohne dass eine letztgültige Erklärung für das Verbrechen präsentiert wird. Der Text des Stückes beruht auf 1500 Seiten Gesprächsprotokollen, die Andres Veiel und Gesine Schmidt während ihrer siebenmonatigen Recherchen anfertigten.

Tamara Milosevic drehte etwa zeitgleich mit „Zur Falschen Zeit am falschen Ort“ (2005) hingegen einen Dokumentarfilm, der sich vor allem auf Matthias konzentriert, einen Freund Marinus Schöberls, der auch die Leiche gefunden hat. Seine Schwierigkeiten mit der Tat klar zu kommen und das Unverständnis, das seine Umgebung ihm entgegen bringt, bestimmen den Film. „Zur Falschen Zeit am falschen Ort“ sorgte für große Aufmerksamkeit, weil er eine brutalisierte, empathieunfähige Dorfgesellschaft zeigt, in der Frustabbau vorzugsweise durch Alkoholkonsum und das Schikanieren Schwächerer stattfindet. Leider versäumte es die Filmemacherin jedoch, den Mord als rechte Gewalt zu verhandeln. Weder der tateskalierende Antisemitismus – die Täter zwangen Marinus zu behaupten Jude zu sein –noch der Neonazismus der Täter finden im Film Erwähnung. Auf diese Weise erscheint die Tat entpolitisiert als Folge der allgemeiner Verrohung einer abgehängten ostdeutschen Gemeinschaft.

Im Jahr 2012 schließlich stellte der junge Regisseur Daniel Abma, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg den Dokumentarstreifen „Nach Wriezen“ vor, ein Porträt über drei Strafgefangene, die aus der JVA Wriezen entlassen werden und ihr weiteres Leben. Einer der Porträtierten ist Marcel Schönfeld, der Haupttäter des Mordes in Potzlow. Im Mittelpunkt des Filmes steht weder das Opfer noch die Tat selbst, vielmehr versucht der Film den Weg der Resozialisierung eines der Täter zu begleiten. Allerdings wird am Rande auch deutlich, dass Marcel Schönfeld sich zwar seiner Nazitattoos entledigt, dies mit der entsprechenden Gesinnung jedoch nicht funktioniert hat.

[1] Inforiot, 11.07.2012: Der Kick.
[2] Nordkurier, 17.07.2012: nZehn Jahre nach der grausamen Tat: Potzlower gedenken des Mordopfers.



Gedenken - Mahnen - Bewegen
Eine Gedenkradtour für Marinus Schöberl
von Anne-Frieda Reinke und Alexander Streblow

Zum zehnten Mal jährte sich der grauenvolle Mord an Marinus Schöberl. In der Nacht vom 12. zum 13. Juli 2002 wurde der sechzehnjährige Marinus Schöberl von drei rechtsradikalen Jugendlichen zu Tode gequält. Sie misshandelten ihn auf bestialische Weise und traten ihn schließlich mit dem sogenannten „Bordsteinkick“ zu Tode. Marinus’ Leiche verscharrten die drei Täter in einer Güllegrube neben einem Schweinestall.

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Heute erinnert ein Gedenkstein neben dem Potzlower Friedhof an die schreckliche Bluttat. Um an diese brutale Ermordung von Marinus Schöberl zu erinnern und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, organisierte die Antifa-Jugend-Prenzlau und die DIE LINKE. Prenzlau gemeinsam mit dem Mobilen Beratungsteam eine „Antifaschistische Radtour“ zum Ort des Verbrechens. Am Nachmittag des 13. Juli 2012 versammelten sich elf Radfahrer, unter ihnen auch die Bundestagsabgeordnete Sabine Stüber, vor dem Prenzlauer Kino in der Friedrichstraße, die trotz des starken Regens den Weg entlang des Uckersees nach Potzlow auf sich nahmen.

In Potzlow wurde wir von etwa zehn Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde empfangen. Zunächst tauschten wir unsere Gedanken aus und Gerd Krug, Vorsitzender des Vereins „Mittelpunkt der Uckermark e.V.“, erzählte vom Umgang mit der Tat innerhalb des Dorfes. Danach gingen wir gemeinsam zum Gedenkstein, an dem David von der Antifa-Jugend-Prenzlau eine Gedenkrede für die Opfer rechter Gewalt hielt. Zum Zeichen der Unvergessenheit legten alle Teilnehmer weiße Nelken nieder. Wie in jedem Jahr erinnerte die Potzlower Gemeinde mit einer Gedenk-Andacht an Marinus Ermordung, denn für das Leben in einer Gemeinschaft ist die Erinnerung wichtig.

Wir alle sind uns einig, dass wir rechtsradikalem Gedankengut keinen Raum lassen dürfen. Deshalb sprechen wir uns gegen Gewalttaten aller Art und gegen die Verharmlosung und Ignoranz nationalsozialistischer Meinungen aus. Für uns ist es von großer Bedeutung, uns für eine tolerante, antifaschistisch-demokratische Einheit stark zu machen und dies unabhängig von Parteizugehörigkeit, politischer Überzeugung, Konfession, Nationalität und ethnischer Zugehörigkeit. Aus diesen Gründen haben die Organisatoren der Gedenkfahrt schon in der Vergangenheit durch Infostände, Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen auf rechte Gewalt und ihre Folgen aufmerksam gemacht. Auch in Zukunft wird es Veranstaltungen zur Aufklärung und zur Information geben. Im September ist mit dem „Tag der Toleranz“ mit Workshops, Unterhaltungsprogramm und vielseitigen Infoständen eine weitere Aktion geplant. Er wird am 7. September in der Prenzlauer Innenstadt stattfinden. Marinus wird uns allen unvergessen bleiben.

Erschienen in: LinksRum, Nr. 6, August 2012