Opferperspektive Brandenburg

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Dieter Manzke

09. August 2001

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Dieter Manzke
Foto: privat

Dieter „Igel“ Manzke arbeitet bis 1991 in der örtlichen Tierfuttermühle. Nach ihrer Pleite findet er keine neue Anstellung mehr. An seinem zunehmenden Alkoholkonsum zerbricht seine Familie. Von Freunden wird er als „ganz Ruhiger“ beschrieben, der nur zu viel trinkt und deshalb sein Leben nicht mehr hin bekommt. [1]

Seit Ende der 1990er Jahre ist er wohnungslos. Von der Gemeindeverwaltung bekommt er die Erlaubnis, in einer leer stehenden Gartenlaube neben seinem alten Wohnhaus zu wohnen. Dieter Manzke bittet den Bürgermeister des kleinen Ortes um Hilfe. Kurz vor dem Tod des alkoholkranken 61-Jährigen verspricht dieser, Dieter Manzke eine neue Wohnung zu besorgen und eine Betreuung für ihn anzuregen.

DIE TAT

Am Abend des 9. August 2001 beschließen fünf junge Männer, Dieter Manzke in seinem Gartenbungalow aufzusuchen und zusammenzuschlagen. Auf die Idee kommt der 21-jährige Dirk R. Er wohnt seit einen Vierteljahr gleich neben dem Gartenbungalow in einem Mehrfamilienhaus. Von ihrem Treffpunkt am Bahnhof Blankenfelde fahren die Jugendlichen 10 Minuten mit den Fahrrädern zur Laube. Dort treffen sie den völlig betrunkenen Dieter Manzke an. Die Gruppe tritt auf den wehrlosen Mann ein, drückt Zigaretten auf seiner Haut aus. Besonders die beiden ältesten, der 22-Jährige Dirk B. und der ein Jahr jüngere Dirk R. tun sich mit ihren „sadistischen Quälereien“ hervor. Dirk B. schlägt den schmächtigen Manzke immer wieder mit der Faust ins Gesicht, drückt einen Finger in das zugeschwollene linke Auge und fragte dabei „Tut das weh?“ [2]

Als Dieter Manzke nur noch röchelnd am Boden liegt, fordern die vier Älteren den Jüngsten der Gruppe auf, den Gepeinigten ins Gesicht zu schlagen – Uwe R. schlägt dreimal zu. Der 19-jährige Ronny R. versucht sogar, ihn mit einen Stock zu vergewaltigen. Irgendwann liegt Dieter Manzke ohnmächtig und geschunden am Boden. Um ihre Tat zu vertuschen, schleifen die Jugendlichen den bewusstlosen Mann in ein Gebüsch und verschwinden vom Tatort. Dieter Manzke hat zahlreiche Knochenbrüche im Gesichts- und Schädelbereich sowie 16 Rippenbrüche und zahlreiche innere Verletzungen erlitten. Im Gebüsch erstickt er an seinen schweren inneren Blutungen. Die Gruppe zieht noch weiter, um den nächsten Obdachlosen zu malträtieren. Sie finden ihn glücklicherweise nicht. Laut Aussage eines der Haupttäter im späteren Gerichtsverfahren hätte es sonst „wahrscheinlich noch einen zweiten Toten gegeben.“ [3] Bei ihrer Festnahme geben die Täter als Motiv an, sie hätten sich von dem 61-jährigen Obdachlosen „gestört gefühlt“ und „Ordnung schaffen“ wollen, denn Manzke hätte in der Laube „nichts zu suchen“ gehabt.

Todesanzeige Dieter Manzke
Bild: Archiv Opferperspektive
NACH DER TAT

Die Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Mahlow initiiert gemeinsam mit der Opferperspektive eine Spendensammlung, um Dieter Manzke ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Denn nach dessen Tod wird vor allem die Zurückhaltung der politischen Verantwortlichen in der Region kritisiert. „Statt der Bekundung von Abscheu und Ekel vor dieser Tat und eines eindeutigen Signals der Zurückweisung derartiger barbarischer Gewaltakte, ist offizielle Betroffenheit kaum zu vernehmen,“ so die AG Tolerantes Mahlow. [4]

Die Amtsverwaltung Rangsdorf plant aus Kostengründen zuerst eine anonyme Bestattung im weit entfernten Zossen. Dagegen interveniert die Bürgerinitiative beharrlich und erreicht das Einlenken der Verwaltung. Gegenüber der Presse äußert der Dahlewitzer Bürgermeister, die Töchter des Verstorbenen wünschten eine Beisetzung im engsten Familienkreis. Der gewünschte Ausschluss der Öffentlichkeit stellt sich als unrichtig heraus. [5] Dieter Manzke wird im Familiengrab in seinem Heimatort Dahlewitz beigesetzt.

DAS VERFAHREN

Trotz der eindeutigen Einlassungen der Täter gibt es für Polizei und Staatsanwaltschaft „keine Hinweise auf ein politisch motiviertes Tötungsdelikt“ [6]. Das bedeutet, auch ein mögliches sozialdarwinistisches Motiv wird kategorisch ausgeschlossen. In der Anklageschrift heißt es zum Tatmotiv lapidar, die Täter hätten aus „falsch verstandenem Ordnungssinn“ gehandelt. Und das, obwohl deutliche Indizien vorliegen. Dirk B., einer der Haupttäter, gehört der rechten Szene im Nachbarort Mahlow an. Weitere Indizien belegen, dass der zweite Haupttäter „ein Faible für Musik rechter Gruppen“ hat und „Leute aus der rechten Szene in dem Haus ein- und ausgehen sollen.“ [7]

Das Gerichtsverfahren wird im Februar 2002 vor dem Landgericht Potsdam eröffnet. Am Ende der Verhandlung stellt die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer fest, dass sich die Täter gezielt einen sozial Schwächeren ausgesucht und „sich selbst zu Herren über Leben und Tod gemacht“ hätten. [8] Sie fordert für Dirk B. eine lebenslange Haftstrafe. Die Jugendkammer des Landgerichts Potsdam verurteilt ihn und drei weitere Täter wegen Mordes zu Freiheitsstrafen zwischen sieben und 13 Jahren. Bei Dirk B. wertet das Gericht eine „alkoholbedingte Enthemmung“ sowie eine erhebliche Persönlichkeitsstörung aufgrund eigener Gewalterlebnisse als strafmildernd. [9]

Bei Uwe R. erkennt die Kammer eine geringere Tatbeteiligung und verurteilt ihn wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren. In der mündlichen Urteilsbegründung führt der Vorsitzende Richter Klaus Przybylla aus, dass Dieter Manzke sterben musste, weil eine „emotional verkommene und verelendete Jugendclique Frust abbauen und Spaß haben wollte“. Dieter Manzke der als „Penner“ und „Suffi“ verrufen war, sei dem Rädelsführer Dirk R., der gleich neben dem Gartenbungalow wohnte, schon lange „ein Dorn im Auge“ gewesen [10]. Das Gericht hebt weiter hervor, dass das Tatgeschehen zwar keinen rechtsradikalen Hintergrund habe, nach den neuen Kriterien der amtlichen Erfassung aber als „politisch motiviert“ zu werten sei. Denn die Tat habe sich gegen den gesellschaftlichen Status des Opfers gerichtet . Erst im Herbst 2005 wird Dieter Manzke in die staatliche Statistik der Opfer rechter Gewalt aufgenommen.

[1] Taz, Nr. 6538, 1.9.2001: „Der war einer von uns“
[2] Sundermeyer, Olaf: Rechter Terror in Deutschland. Eine Geschichte der Gewalt. C.H. Beck., S. 88-97
[3] Berliner Zeitung, Nr. 42, 19.2.2002: Dieter Manzke starb, weil fünf junge Männer Lust bekamen zu prügeln.
[4] AG Tolerantes Mahlow, 5.09.2001: Tote kehren nicht zurück. Der Mord an Dieter Manzke
[5] Taz Nr. 6722, 11.4.2002, S. 22 [6] Märkische Allgemeine, 18.02.2002: Vier junge Männer unter Mordverdacht „Fall Manzke“ vor Gericht; BT-Drs 14/7003
[7] Sundermeyer, Olaf: Rechter Terror in Deutschland. Eine Geschichte der Gewalt. C.H. Beck, 2013, S. 88-97
[8] Berliner Zeitung, 26.03.2002: Hohe Strafen für Mord an Obdachlosem gefordert.
[9] Taz Nr. 6722, 11.4.2002, S. 22
[10] Berliner Zeitung, 26.03.2002: Hohe Strafen für Mord an Obdachlosem gefordert.