Opferperspektive Brandenburg

ecken-left

Falko Lüdtke

31. Mai 2000

ecken-right

Falko Lüdke
Quelle: ???

Falko Lüdtke wird am 7. Juni 1977 in Bergen geboren. Der 22-Jährige gehört als Punk der linken Szene in Eberswalde an. Von seinen Freunden wird er als freundlicher Mensch beschrieben, der gern las, Musik liebte und Songtexte für befreundete Punkbands schrieb. „Das Wichtigste für ihn war, dass es uns allen gut ging. Er hörte zu, wenn jemand Probleme hatte und teilte großzügig alles, was er besaß. Manchmal kaufte er Blumen und verschenkte sie an Bekannte, die ihm gerade begegneten. [1]

Der Ort

Im brandenburgischen Eberswalde wird im November 1990 Amadeu Antonio das Opfer einer rassistischen Hetzjagd und stirbt. Ab 1997 wird der von Gordon Reinholz gegründete „Kameradschaftsbund Barnim“ in der Region aktiv, findet jedoch wenig Einfluss auf die lokale rechte Szene. Zur Tatzeit gibt es neben den straff organisierten Neonazis eine breite, extrem rechts orientierte Jugendszene, die weit ins deklassierte Milieu reicht. Sie sind vor allen in den großen Plattenbaugebieten tonangebend. Einschüchterung, Bedrohungen und Gewalt, gehören neben Sauftouren untrennbar dazu. Gewalt gilt als legitimes Mittel, um vor allem Schwarze und Punks anzugreifen. Ein Beispiel dafür ist der Brandanschlag auf den afrikanischen Kulturverein „Palanka“ im März 2000, bei dem die Räume völlig ausbrennen. [2] Die Sozialarbeiter_innen im rechten Jugendclub „Domizil“ und in vielen ABM-Maßnahmen sind heillos überfordert. Nur wenige Eberswalder_innen, wie beispielsweise der Jugendkulturverein „Exil“ und der Verein „Palanka“, stellen sich aktiv gegen die rechte Szene. Der Großteil der Bevölkerung schaut weg. [3]

DIE TAT

Am 31. Mai 2000 gegen 20.40 Uhr trifft Falko Lüdtke an einer Bushaltestelle im Brandenburgischen Viertel auf den ihm bekannten Mike B., Mitglied der neonazistischen Szene in Eberswalde. Dieser steht dort bei zwei Bekannten. Kurze Zeit vorher soll es mit Mike B. Probleme an einem Döner-Imbiss gegeben haben. Laut einer späteren Zeugenaussage, wollte Falko Lüdtke dies mit B. an der Bushaltestelle klären. [4] Der große und bullige Neonazi trägt auf dem Hinterkopf seiner Glatze ein handtellergroßes Hakenkreuz-Tattoo. Der wesentlich kleinere Punk spricht ihn auf die offen zur Schau gestellte, verbotene Tätowierung an. Eigentlich will Falko Lüdtke mit dem Bus in die Gegenrichtung nach Finow fahren. Offensichtlich entscheidet er sich anders, um mit Mike B. weiter diskutieren zu können. Die beiden sowie die Bekannten von Mike B. steigen in einen Bus ein. Dort setzen sie ihre verbale Auseinandersetzung über die Gesinnung von B. fort. Im Bus wird die Diskussion hitziger und der Begleiter von Mike B. drückt Falko Lüdtke gegen die Busscheibe. Ein weiterer Beteiligter bringt die beiden auseinander, so dass sich die verbale Auseinandersetzung wieder auf Falko Lüdtke und Mike B. konzentriert. [5] Als Falko Lüdtke an der nächsten Haltestelle aussteigen will, ermutigt B. ihn, weiter mitzufahren, um die Diskussion fortzusetzen. [6] An der Haltestelle Spechthausener Straße verlassen sie den Bus. B. fordert Falko Lüdtke mehrfach auf, mit ihm auf den Hinterhof des Hauses Spechthausener Straße Nr. 5 zu kommen, um dort ein Bier zu trinken. Der Punk lehnt ab. Daraufhin kehrt Mike B. um und greift Falko Lüdtke plötzlich und unvorhergesehen an. [7] Dieser verteidigt sich gegen den Angriff, indem er ebenfalls schubst und schlägt. Während des Handgemenges bewegen sich beide in Richtung Straße. Falko Lüdtke steht dabei mit dem Rücken zur Fahrbahn. Als sich die beiden am Fahrbahnrand befinden, versetzt Mike B. ihm einen Schlag auf den Brustkorb. „Falko Lüdtke verliert dadurch das Gleichgewicht und stolpert – sich zwei Schritte rückwärts bewegend – auf die Straße.“ [8] Er wird von der rechten Vorderfront eines vorbeifahrenden Taxis erfasst. Sein Körper zerschlägt die Windschutzscheibe. Durch die Wucht der Aufpralls wird Falko Lüdtke hoch geschleudert und bleibt auf der Straße liegen. Der Täter flüchtet, ohne Falko Lüdtke zu helfen. Der Punk stirbt noch am selben Abend an einem Lungenriss. [9]

Das Verfahren

Bei der ersten polizeilichen Vernehmung gibt Mike B. zwar den tödlichen Stoß auf die Straße zu, bestreitet aber die politische Dimension des Geschehens. [10] Da er im Gerichtsverfahren schweigt und sich Zeugen aus dem Umfeld des Täters auf Erinnerungslücken berufen, können entscheidende Beweise nicht erhoben werden. [11] Im Dezember 2000 verurteilt das Landgericht Frankfurt (Oder) Mike B. zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten, unter anderem wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Das Gericht stellt fest, dass das Opfer den Täter nicht provoziert, sondern dass es sich bei Falko Lüdtkes Verhalten um einen Akt der Zivilcourage gehandelt habe. [12] Schließlich seien die Vorbehalte des Punks berechtigt gewesen, da B. seine Hakenkreuztätowierung offen trug und der rechten Szene zuzuordnen war. „Mit dem Tragen eines solchen, durch die Tätowierung immer präsenten Symbols auf einem den Blicken ausgesetzten Körperteil, wird eine Gesinnung zur Schau getragen.“ [13] und „Wenn man nichts unternimmt, um die Tätowierung nicht öffentlich bekannt zu machen, bekennt man sich zu dem faschistischen Symbol mit allen Konsequenzen und trägt auch die Verantwortung, selbst der, der unter Umständen nur ein Mitläufer ist.“ [14] In der Revisionsverhandlung wertet der Bundesgerichtshof im Juni 2001 die Tat jedoch nur noch als fahrlässige Tötung, da B. den Tod seines Kontrahenten ohne jeglichen Vorsatz herbeigeführt habe. Das Landgericht Cottbus verringert das Strafmaß daraufhin auf ein Jahr und acht Monate Haft ohne Bewährung. Die rechte Gesinnung von B. sei zwar die Ursache der Tat gewesen, strafverschärfend solle das aber nicht gewertet werden, so die Richter. [15]

Das Gedenken

Jedes Jahr versammeln sich Freund_innen, Punks und Linke im Gedenken an Falko Lüdtke an der Bushaltestelle Spechthausener Straße. Erst seit der Studie des Moses Mendelssohn Zentrums 2015 ist Falko Lüdtke offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Die Stadt Eberswalde plant auch nach der offiziellen Anerkennung kein Gedenken für Falko Lüdtke. [16]

Zur Gedenkseite


 

Die Quelle

[1] Opferperspektive, Interview mit der besten Freundin von Falko Lüdtke anlässlich der Anerkennung von Falko als Opfer rechter Gewalt.
[2] Barnimer Antifarecherche: Die dunklen 1990iger Jahre. Die Entwicklung neonazistischer Gewalt 1990-2001, S. 9
[3] Mayr, Walter: Zuville Bananen jejess'n, 23.03.1998; und Gesine Enwaldt und Volker Steinhoff: Überfälle auf Campingplätze, 01.08.1996
[4] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 131
[5] Ebd. S. 132
[6] Hohe Haftstrafen im „Punk“-Prozess , in: Nordkurier-Online v. 12.12.2000
[7] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 133
[8] Dann kommt der Hass hoch , in: Der Spiegel v. 32/2000
[9] Zum Tod des Punks schweigt sich Mike B. Vor Gericht aus, in: Berliner Zeitung v. 23.11.2000
[10] Mariella Schwertmüller, Mal lässig geschubst, in: Jungle World v. 30.10.2002
[11] Rechter muss für den Tod eines Punks hinter Gitter, in: Berliner Zeitung
[12] Gerichtsurteil
[13] Gerichtsurteil
[14] Milde gegen Rechtsradikale, in: taz v. 23.10.2002
[15] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 135-136
[16] Simon Rayss, 15 Jahre alter Todesfall neu bewertet, in: Märkische Oderzeitung v. 13.07.2015