Hans-Georg Jakobson

Hans Georg Jakoboen
Foto: AG Timur und sein Trupp
Leider ist uns über Hans-Georg Jakobson, der zum Tatzeitpunkt 35jährig, erwerbs- und obdachlos war, nichts Weiteres bekannt.
Der Ort

Anfang der 1990er Jahre gab es in Strausberg zwar keine straffe rechte Neonaziszene, aber verschiedene lose rechte (Skinhead-)Cliquen, die sich im Bereich des S-Bahnhofs, in Kneipen, am alten Bunker auf dem Sportgelände Strausberg-Vorstadt oder an der DEA-Tankstelle trafen. Die Gruppe an der Tankstelle, eine Mischung aus Neonazis und Auto-Wettfahrern, wuchs manchmal auf bis zu 150 Personen an. Von dort aus verübte die gut in der Region und nach Berlin vernetzte Szene Angriffe auf Linke, Migrant_innen und sozial Schwache. Organisierte Übergriffe gab es vor allem im Bereich der S-Bahnhöfe, oft mit Unterstützung von Berliner Neonazis und rechten Skinheads. Rechte Parteien und Organisationen versuchten über Kameradschaftsabende und vereinzelte Wehrsportübungen, die in den nahen Wäldern veranstaltet wurden, vor allen in den Dörfern um Strausberg mehr Einfluss auf die Jugend zu gewinnen. Sie traten in der Zeit aber sonst wenig in Erscheinung. 1992 veranstalteten die Republikaner und die FAP in der Region Strausberg ihre Parteitage.1

DIE TAT

Am Abend des 28.07.1993 sitzt Hans-Georg Jakobson schlafend in einer S-Bahn am Bahnhof Strausberg. Auf der Suche nach Fahrgästen, die sie überfallen und ausrauben können, gehen die Naziskinheads Rene B. (20), Henry G. (19) und Thomas D. (18) an der stehenden Bahn entlang.2 Sie haben zuvor mit anderen Neonazis den Abend an der „Fahrradbude“, einer Fahrradaufbewahrung am S-Bahnhof Strausberg, einem bekannten Treffpunkt der Neonaziszene, verbracht. Bereits dort haben die drei beschlossen, jemanden zu überfallen, um sich Geld zu besorgen und gesagt, „daß man mal ‚jemand aus der S-Bahn fliegen lassen’ wolle.“3 Nun sind sie auf dem Rückweg nach Neuenhagen, ins Lehrlingswohnheim. Kurz vor der Abfahrt um 23.00 Uhr steigen sie in den vierten Wagen der Bahn Richtung Berlin, in dem Hans-Georg Jakobson als einziger Fahrgast sitzt. Zuvor sagt Rene B., „den nehmen wir“.4 Davon bekommt der schlafende Jakobson nichts mit. Die drei Skinheads begeben sich sofort zu dem verwahrlost aussehenden Mann, durchwühlen seine Kleidung nach Geld und Wertgegenständen. Als nichts (bis auf 30 Pfennig) bei ihm zu finden ist, wollen sie Jakobson einen „Denkzettel“ verpassen. Rene B. zerrt Jakobson vom Sitz und setzt sich auf ihn. Gemeinsam schlagen sie mit Fäusten auf den Wehrlosen ein. Thomas D. macht den Vorschlag „den schmeißen wir raus“.3 Die beiden anderen stimmen zu und entschließen sich „den zuvor an der Fahrradaufbewahrung eher spaßeshalber geäußerten Gedanken, einen Menschen aus der fahrenden S-Bahn zu werfen, in die Tat umzusetzen.“4 Rene B. und Thomas D. schleifen Jakobson, der sich nun versucht zu wehren, zur offenen S-Bahntür. Dabei schlagen sie immer wieder mit Fäusten auf ihn ein. Jakobson versucht, sich noch am Haltegriff festzuklammern, doch Henry G. tritt auf seine Hand, so dass er den Griff loslässt. Zwischen Strausberg und Petershagen werfen sie Jakobson aus dem fahrenden Zug. Er stürzt zunächst auf eine Halterung der Stromschiene und überschlägt sich danach mindestens sechs Mal. Nach 15 Metern bleibt er auf dem Schotterbett der Gleise liegen. Der Fahrer einer vorbeifahrenden S-Bahn sieht den Mann neben den Gleisen liegen und leitet eine Notbremsung ein. Als er zu dem Schwerverletzten kommt, ist dieser bei vollem Bewusstsein und ruft um Hilfe. Herr Jakobson sagt dem Fahrer, dass er aus einem fahrenden Zug geworfen wurde. Im Krankenhaus stirbt Hans-Georg Jakobson am nächsten Tag infolge eines Blutungsschocks, der durch die zahlreichen Knochenfrakturen und Weichteilverletzungen verursacht wurde.
Am Bahnhof Petershagen steigen die Täter in eine andere S-Bahn, um zu sehen ob Jakobson den Sturz überlebt hat. Auf ihrer Weiterfahrt rauben sie zwei weitere Fahrgäste aus. Zwei Tage später werden die drei von der Polizei festgenommen, weil einer der Ausgeraubten Rene B. an einem Imbiss in Strausberg wiedererkennt und die Polizei ruft.5

Todesopfer Jakobson - Zeitung
Das Verfahren

Die Täter, die sich im Gerichtsverfahrens völlig empathielos zeigen, werden nach drei Verhandlungstagen am 25.01.1994 vom Landgericht Frankfurt (Oder) wegen Mordes, schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen versuchten Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Der bereits einschlägig vorbestrafte, zum Tatzeitpunkt 20jährige Haupttäter Rene B. erhält eine Jugendstrafe von acht Jahren. In das Urteil wird eine bereits 1993 vom Kreisgericht Strausberg verhängte einjährige Jugendstrafe einbezogen. Er hatte, neben fast routinemäßigen Raubüberfällen in der S-Bahn, am 25.07.1992 aus rassistischen Motiven zwei chinesische Professoren in Neuenhagen bei Berlin angegriffen und einen schwer verletzt. Aus seiner rechten Gesinnung macht er auch vor Gericht keinen Hehl. Er erscheint mit Glatze und gibt an, „rechts“ zu sein. Seine Führungsposition in der Neonaziclique wird im kriminalprognostischen Gutachten deutlich, dass in seiner Haftzeit erstellt wurde. Darin heißt es „Zum Zeitpunkt der Tat war Herr B. an einer rechtsradikalen Gruppierung gebunden […] und [hat] sich zu einem Ideengeber und damit quasi einem Anführer entwickelt ... , Herr B empfand es auf der psychodynamischen Ebene als wohltuend und entlastend, die Angst der Menschen auf der Straße zu spüren und im Verbund mit seinen Mittätern das Gefühl vermeintlicher Stärke und Macht zu erleben.“6 Die beiden zum Tatzeitpunkt 17 bzw. 18jährigen Mittäter erhalten eine Jugendstrafe von 6 Jahren.7 Die neonazistische Einstellung der Täter wird im Gerichtsverfahren zwar mehrfach thematisiert. Das dazu, in nationalsozialistischer Tradition, auch die Abwertung von Obdachlosen als „minderwertig“ gehört und darin das Motiv für die Eskalation der Gewalt hin zum Mord zu finden ist, wird ausgeblendet. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklageschrift noch sozialdarwinistische Bezüge hergestellt „Das Opfer, das bereits seines ungepflegten Äußeren wegen in den Angeschuldigten nicht die Hoffnung wecken konnte, größere Mengen Bargeld bei sich zu tragen, wurde von diesen wie ein lebensunwertes Subjekt bzw. wie eine Sache behandelt.“8 Da mit dem Raub bereits ein Mordmerkmal vorlag, gab es offensichtlich für das Gericht keine Veranlassung weitere Mordmerkmale zu prüfen.

Der Haupttäter Rene B. erhält in der anschließenden Haft Unterstützung von der inzwischen verbotenen HNG (Hilfsorganisation für nationale Gefangene und deren Angehörigen) und ist nach seiner Freilassung eine treibende Kraft bei der Gründung der 2005 ebenfalls verbotenen Kameradschaft ANSDAPO (Alternative Nationale Strausberger Dart-, Piercing- und Tattoo-Offensive) und im Ordnerdienst bei extrem rechten Veranstaltungen aktiv. Hier gibt es immer wieder Überschneidungen mit dem Märkischen Heimatschutz.9

Nach Auffassung des Gerichts wollten die Täter Hans Georg Jakobson mit dem Stoß aus der fahrenden S-Bahn einen „Denkzettel“ verpassen, weil sie enttäuscht waren, dass sie bei ihm keine Beute finden konnten und die Misshandlungen ihnen keine ausreichende Genugtuung gebracht hatten.10 Gegen dieses alleinige Ziel sprechen einige Beweise. Thomas D. sagte laut psychologischen Gutachten: „Er wollte eigentlich von dem Opfer kein Geld haben. Man habe ungerichtet nach ihm geschlagen.“ Zudem hatte Rene B. zum Tatzeitpunkt einen Geldbetrag von etwa 50 DM bei sich – ähnliche Summen waren bei Jakobson keinesfalls zu erwarten. Im Urteil wird außerdem erwähnt, dass die Täter zuvor immer wieder Fahrgäste in der S-Bahn ausgeraubt hatten. Nie eskaliert die Situation, sodass Opfer schwer verletzt wurden. Erst bei dem im sozialen Status unter ihnen stehenden Jakobson bricht die Hemmschwelle. Ein weiteres Indiz für eine eskalierende Wirkung rechter Ideologie ist der o.g. rassistische Angriff auf die beiden chinesischen Wissenschaftler im Jahr 1992. Rene B. schlägt und tritt so heftig zu, dass einer von ihnen Hirnblutungen erleidet und nur knapp dem Tod entrinnt. Deutlich wird: Bei Betroffenen aus klassischen rechten Opfergruppen handelt B. deutlich brutaler und enthemmter als sonst. Die Opferperspektive stuft die Tötung von Hans Georg Jakobson als sozialdarwinistisch motivierten Mord ein.

Das Gedenken

Am 28.07.2013, dem zwanzigsten Todestag, findet zum ersten Mal eine Gedenkkundgebung für Hans-Georg Jakobson statt. Das Soziale Zentrum Horte organisiert mit Unterstützung von Linksaktiv Brandenburg die Kundgebung am S-Bahnhof Strausberg, um an das weitgehend unbekannte Naziopfer zu erinnern. „Zum Ende der Kundgebung sicherte der Trägerverein des Horte, das Alternatives Jugendprojekt 1260 e.V. zu, einen Gedenkstein für Hans Georg Jakobson zu errichten und übte Kritik an der Verdrängungsstrategie der Stadt Strausberg, die sich auf der Kundgebung nicht blicken ließ.“11 berichtet das Medienportal Inforiot über die Veranstaltung.


Die Quellen:

1 Vgl den Artikel Strausberg. Lose Strukturen und die Bahnhofsclique, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 51, S. 54-57, S. 51
2 S-Bahn-Mord: Mit Faustschlägen weckten die Lehrlinge den einzigen Fahrgast, in: Berliner Kurier v. 18.1.1994
3 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 80
4 Ebd. , S. 82
5 Ebd. , S. 81
6 Ebd. , S. 87
7 Jugendstrafen im S-Bahn-Prozess verhängt, in: Berliner Zeitung v. 26.1.1994
8 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 84
9 Nowak, Peter, 25.07.2013: Ein fast vergessenes Opfer und Broschüre zum Gedenken an Hans- Georg Jakobson, Juli 2013: Remember! Hans-Georg Jakobson getötet von Neonazis, S. 2-3
10 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 83,
11 Inforiot, Vor 20 Jahren starb Hans-Georg Jacobson, auf: inforiot.de 14.03.2002