Opferperspektive Brandenburg

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Peter Konrad

25. April 1992

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Peter Konrad
Foto: privat

Peter Konrad wurde am 25.10.1962 geboren und lebte in Werder an der Havel. Er verbrachte in der Havelstadt seine Kindheit und Jugend, machte hier seine Ausbildung zum Eisenbahnelektriker und arbeitete in seinem Beruf. Der damals 29-jährige war aktiver Schwimmer. Das Motorrad war seine Leidenschaft. Zusammen mit Familie und Freund*innen vom Motorradclub „MC Roadrunner“ fuhr er mit seiner Maschine zu Festen, Konzerten und an den See. 1986 wurde seine kleine Tochter geboren. Sie beschreibt ihn als liebevollen, geduldigen Vater, der viel mit ihr unternahm und ihr beibrachte mit Ausdauer und Geduld, anstatt mit Gewalt, Sachen auszuprobieren, die nicht gleich funktionieren. „Mein Vater brachte mir auf einzigartige Weise bei (auf) meine Umwelt (zu) achten und diese zu begreifen. Einmal pflückte ich Blumen für ihn und er erklärte mir, was die Folge meines Handelns war. Die Blumen würden sterben und hätten an ihren Wurzeln noch lange leben können, vielleicht sogar bis zum Herbst. Er sagte dies keinesfalls ermahnend, sondern sanft, ruhig und liebevoll. Mein Vater war ein sehr kluger, bedachter und behutsamer Mensch. Ein Satz der mir bis heute in den Ohren klingt war: `Mit Gewalt geht gar nichts.´“ so eine Tochter rückblickend. In einem Brief an den damaligen Justizminister bringt seine Mutter ihre Überraschung darüber zum Ausdruck, wie beliebt und bekannt ihr Sohn aufgrund seiner Hilfsbereitschaft war. Er war gewiss kein Schläger, hatte nie etwas mit Skins oder Hooligans zu tun. Peter Konrad wurde gerade einmal 29 Jahre alt. Er hatte noch viele Pläne im Leben, u.a. wollte er studieren, um Betriebswirt zu werden.

Die Tat

Am Abend des 25. April 1992 besucht Peter Konrad mit seiner Schwester, seinem Bruder und einigen anderen Frauen und Männern das Baumblütenfest in Werder. Sie gehören dem Motorradclub „MC Roadrunner“ an. Mindestens Peter hatte eine Lederjacke mit dem Emblem des Club an. Es ist anzunehmen, dass die Roadrunners von den späteren Tätern als Mitglieder einer unliebsamen Gruppe identifiziert und daher gezielt angegriffen wurden. Im Festzelt ist es schon ziemlich leer, als der Überfall von Skinheads und Hooligans der rechten Hertha BSC Fangruppierung „Wannseefront“ auf die Gruppe um Peter Konrad unvermittelt beginnt. Unabhängige Zeug*innen beschreiben die Täter später ihrem Aussehen nach als Neonazis und Skins.

Nach einer kurzen Schlägerei ohne vorherige verbale oder körperliche Auseinandersetzung, die einen inhaltlichen Grund für den Angriff erkennen lassen könnte, scheint die Situation vorüber. Die Freund*innen beschließen zu gehen, da es ihnen zu gefährlich wird auf dem Festgelände. Tatsächlich wird ihnen draußen von derselben Tätergruppe aufgelauert und sie werden auseinandergetrieben. Laut Berichten von Familienangehörigen versucht Peter aus der Situation zu kommen. Vergebens. Er geht zu Boden, wo ihn zwei der Angreifer festhalten, während andere ihm gegen den Körper und Kopf treten. Seine Versuche sich zu verteidigen nützen nichts. Mindestens 25 wuchtige Fußtritte treffen den Wehrlosen. Er bleibt leblos am Boden liegen. Die Rettungskräfte kommen kaum zu dem Schwerverletzten durch, da sie ebenfalls von Skinheads und Hooligans angegriffen werden. Laut Presseberichten wurde sogar der Polizeifunk gezielt gestört. Peter Konrad erleidet einen Herzstillstand. Die Rettungskräfte können ihn nach einer halben Stunde reanimieren. Er hat wieder Puls. Auf seiner Stirn war deutlich der Abdruck eines Schuhs zu sehen, erzählte seine Mutter ihrer Enkeltochter unter Tränen, als sie am Ufer des Plessower Sees standen, wo sie einen ähnlichen Abdruck im Sand des Ufers erblickte. Ohne noch einmal aus dem Koma zu erwachen stirbt Peter Konrad jedoch am 4. Mai 1992 an seinen schweren Verletzungen.

Mehrere Zeug*innen berichteten, dass die Täter anhand ihrer Kleidung deutlich als rechte Skinheads und Hooligans zu erkennen waren. Zu ihnen gehörten Jugendliche aus Berlin und Werder, u.a. die Söhne eines lokalen Politikers. Vor dem Angriff auf die Roadrunner hatten sie bereits gezielt Langhaarige und andere alternativ aussehende Festbesucher*innen angegriffen und Jagd auf einen Schwarzen Deutschen gemacht. [1] Die Eingebundenheit der Täter in die rechte Hooliganszene und die damit einhergehende gewaltaffine Sozialisierung (eine Art Wolfsmoral), verbunden mit übermäßigen Alkoholkonsum, wird die Aggressivität der Täter und ihre Lust auf Gewalt stark erhöht und die Tat maßgeblich beeinflusst haben. Ihre Attacken richteten sich gezielt gegen Menschen und Gruppen, die sie verachteten bzw. gegen die sie Ressentiments hegten: Langhaarige, Schwarze und schließlich gegen die Gruppe der „MC Roadrunners“. Das gezielte Auflauern, das Stören des Polizeifunks und der Rettungskräfte, spricht zusätzlich für eine geplante und organisierte Tat.

Aus der Tätergruppe wurde ein 20-Jähriger festgenommen, jedoch vom Haftrichter wegen fehlendem Haftgrund wieder frei gelassen. [2]

Das Verfahren

Im Sommer 1993 findet der Prozess gegen nur einen Angeklagten vor dem Landgericht Berlin statt. Der 21-jährige Täter wird lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Er erhält vier Jahre Haft. Ein rechtes Motiv wird vom Gericht nicht erkannt.

Die Quellen

[1] Krawall: Ein Toter in Werder, 02.05.1992
[2] Rückbesinnung auf Traditionen, General-Anzeiger Nr. 21/92 v. 22.5.1992