Vielleicht gerade wegen seiner überlegten Ruhe, war er quer durch alle Nationen sehr beliebt bei den Bewohnern. Er kochte gern und gut und hatte eine sehr höfliche, freundliche Art."

SozialarbeiterInnen der Flüchtlingsunterkunft zu Belaid Baylal

"Für mich ist es erst abgeschlossen, wenn ich die ganze Wahrheit weiß. In unseren Herzen hat Falko seinen Stammplatz und wir werden uns immer an ihn erinnern. Freunde sterben nicht."

Falko Lüdtkes beste Freundin Sandra

"Kajrat ging Konflikten immer aus dem Weg. Nach dem Tod seines Vaters hat mein ältester Sohn für die Familie gesorgt."

Mutter von Kajrat Batesov

"Er hat mich eigentlich immer mit positiven Dingen angespornt und das fand ich bei ihm ganz, ganz gut."

damalige Freundin von Farid Guendoul

"Dieter hat niemanden gestört. Der war ein ganz Ruhiger, nur zu viel getrunken hat er, und sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen."

Freunde von Dieter Manzke

„Jedes Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt hat eine Anerkennung und Achtung seiner Menschenwürde verdient. Das halte ich für ganz wichtig. Ich hoffe, dass die Menschenwürde der Opfer damit geachtet wird, wenn ein Gedenkort entsteht. Und ich würde mir wünschen, dass viel Menschen motiviert werden, die Möglichkeit zu Gedenken wahrnehmen und vielleicht die Botschaft daraus für sich mitnehmen, dass man – oder frau – als Demokrat oder Demokratin einfach Zivilcourage zeigen muss.“

Heide Dannenberg, Lebensgefährtin von Helmut Sackers
der am 29.04.2000 in Halberstadt von einem Naziskin erstochen wurde.

GEDENKEN

Rechts neben diesem Textblock finden sich Ortsnamen, die zu Informationen über lokales Gedenken in Brandenburg führen. Es handelt sich um Initiativen von AntifaschistInnen und BürgerInnen, die im Gedenken ihre Solidarität mit dem Opfer und ihre Empörung über die Tat und eine Gesellschaft ausdrücken, in der sie möglich wurden. Die meisten Opfer rechter Gewalt sind Menschen, denen zu Lebzeiten auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft Respekt und Anerkennung verweigert wurde. Auch gegen diesen Nährboden für rechte Gewalt setzt das individuelle Gedenken ein deutliches Signal.

Aus dem Sinn?

Die Frage nach einer Kultur der Erinnerung für Opfer rechter Gewalt

13.02.2009, David Begrich

Erinnert sich noch jemand an Jorge Gomondai? Er war eines der ersten Todesopfer rechter Gewalt nach der Wende in Ostdeutschland. Jährlich mahnt ein Gedenkweg kirchlicher und antirassistischer Gruppen in Dresden daran, dass der Mosambikaner am 31. März 1991 bei einem Zusammenstoß mit Skinheads aus einer fahrenden Straßenbahn fiel und wenig später starb. Dieser Gedenkweg ist leider eine Ausnahme: Für die meisten der Todesopfer rechter Gewalt gibt es weder ein öffentliches Gedenkzeichen noch eine Kultur der Erinnerung. Sie sind, wiewohl ihre Namen und die Umstände ihrer Todes bekannt sind, im Wortsinne vergessen.

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Umstrittenes Gedächtnis

Wie Opfern rechter Gewalt öffentlich gedacht werden kann, ist immer wieder umstritten. Wie kann eine Erinnerungskultur aussehen? Zentral sind die Anerkennung des Charakters der Tat und der Respekt für das Opfer. Meist werden Respekt und Anerkennung nur jenen Opfern entgegengebracht, deren Eigenschaften und/oder Todesumstände eine positive Identifikation erlauben. Sie erlangen jenes öffentliche Mitleid, welches anderen verwehrt bleibt, weil man sich in ihre Lebensumstände nicht hinein zu versetzen vermag und deshalb mit Abwehr reagiert. Obdachlosen, Punks und vielen Migranten wird in vielen Fällen eine Kultur der Anerkennung verwehrt, obwohl sie die größten Opfergruppen bilden.

Wo sich Kommunalpolitiker schwer tun, Todesopfern rechter Gewalt Anerkennung zu zollen, setzt sich deren im Leben erfahrene Ausgrenzung und Missachtung über den Tod hinaus fort. Am Rand einer Kundgebung zum zehnten Todestag von Samuel Yeboah wurde in Saarlouis im Jahr 2001 eine Gedenktafel angebracht, um an das erste Todesopfer rassistischer Übergriffe in Westdeutschland nach der Wiedervereinigung zu erinnern. Der 26-Jährige kam bei einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim ums Leben. Nur wenige Stunden hing die Gedenktafel für den ermordeten Ghanaer, bis der Saarlouiser Oberbürgermeister sie entfernen ließ und Strafanzeige gegen den Anmelder der Kundgebung erstattete.

Aber auch dort, wo Gedenktafeln an die Opfer erinnern, werden sie – wie in Guben trotz der zeitweiligen Patenschaft für den Gedenkstein für Farid Guendoul immer wieder geschehen – entwendet, beschmiert und zerstört. Selbst Gräber sind nicht tabu. Mehrfach wurde in Magdeburg das Grab des von Neonazis getöteten Punks Frank Böttcher demoliert.

Die Angehörigen ließen den Grabstein schließlich entfernen. Sie konnten nicht mehr das Geld aufbringen, um die Schäden zu beseitigen. Dieses Beispiel zeigt: Neben der öffentlichen Schmähung und Provokation der Angehörigen erzielen die Täter durch ihre Untaten in Einzelfällen sogar das Verschwinden der öffentlichen Präsenz des Opfers. Auch das Verhalten des Saarlouiser Bürgermeisters hatte diesen Effekt.

Kann es eine Kultur der Erinnerung an Opfer rechter Gewalt geben, die nicht in Ritualen der jeweils eigenen Selbstvergewisserung erstarrt? Kranzniederlegungen und Ansprachen reichen jedenfalls nicht aus, wenn es um ein lebendiges Gedenken gehen soll. Davor schützen kann nur ein Gedenken, das an die Lebensumstände des Opfers zurückgebunden ist. Und das zugleich dazu dient, deutlich zu machen, vor welchen Herausforderungen die Gesellschaft durch rechtsextreme Gewalt steht.

Erinnerung und Aktualität

16 Jahre nachdem Amadeu Antonio am 25. November 1990 in Eberswalde (Brandenburg) bei einem Angriff von 60 Rechtsextremisten auf eine Gruppe von Afrikanern mit Knüppeln ins Koma geprügelt wurde und elf Tage später starb, trafen sich über 150 Menschen aus Eberswalde und der Gemeinde Schorfheide. Einen ganzen Tag lang redeten sie darüber, wie sie Vorurteilen und Diskriminierungen entgegentreten können. Die Initiative hierzu kam von den drei Schulen aus der Region, die den Titel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« tragen. Unter dem Motto »Light me Amadeu« finden seitdem Veranstaltungen, Konzerte und Aktionen zur Überwindung von Rassismus und Rechtsextremismus statt.

Mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht ist auch das langjährige Engagement gegen Rechtsextremismus am Beruflichen Schulzentrum Oskar-von-Miller im bayrischen Schwandorf. 1988 hatte ein 19-jähriger Neonazi in der Innenstadt ein Haus in Brand gesetzt, in dem überwiegend Türken wohnten. Vier Menschen verloren ihr Leben. Der Auszubildende war zu jener Zeit Schüler an jener Schule. »Seit dem damaligen schrecklichen Ereignis versuchen bei uns Lehrerinnen und Lehrer, ihren Schülerinnen und Schülern das menschenverachtende Potenzial einer Weltanschauung vor Augen zu führen, die keine Achtung vor der Würde des anderen besitzt und auch vor gemeinen Mord nicht zurückschreckt«, erklärten 2006 die Schülersprecherin Hasret Atas und der Lehrer Günter Kohl.

Wenn am 21. April 2009 das Gubener Pestalozzi-Gymnasium den Titel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« erhält, ist das ein ermutigendes Zeichen.

"Rechte Morde"

Filmbeitrag 3sat

Brandenburg untersucht Fälle aus den 1990ern: Kurz vor Beginn des NSU-Prozesses werden in Brandenburg seit 1990 begangene Mordfälle neu aufgerollt, bei denen ein rechtsextremistischer Hintergrund vermutet wird, die aber nicht als rechtsextreme Gewalttaten registriert sind. weiter zum Film ...

Es wird geschwiegen bis es wieder passiert

Diskussion zum Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt

Im April 2013 trafen sich Dieter aus Bernau, Julia aus Oranienburg, Ronny aus Brandenburg a.d.H.und Jan aus Neuruppin zu einem Gedankenaustausch über ihre Aktivitäten zum Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt. Das Interview führte Gabi Jaschke.

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Foto: Presseservice Rathenow

Dieter ist Kreisjugendwart der Evangelischen Jugend Barnim und hat die Barnimer Kampagne Light me Amadeu mitgegründet, die in Eberswalde die Umbenennung eines Teilstücks der Eberswalder Straße in Amadeu-Antonio-Straße fordert. Am 25. November 1990 war hier der Angolanischer Amadeu Antonio bei einem Angriff auf einen Treffpunkt von Vertragsarbeitern schwer verletzt worden. Er starb zwei Wochen später an den Folgen des rassistischen Überfalls.

Julia vom Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt Oranienburg setzt sich für einen Gedenkstein für Hans-Jochen Lommatzsch ein. Hans-Jochen Lommatzsch wurde im Dezember 1992 von einem rechten Skinhead erschlagen, als der auf einem Parkplatz hinter seinem Wohnhaus nach seinem neu erworbenen Auto sehen wollte.

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Ronny ist aktiv in der Antifa Brandenburg a.d.H., die regelmäßige Gedenkveranstaltungen für den 1996 von Neonazis ermordeten 23-jährigen Punk Sven Beuter organisiert. 2012 organisierte die Gruppe außerdem erstmalig eine Gedenkkundgebung in Lehnin. Am Kolpinsee bei Lehnin war am 7. November 1992 52-jähriger Obdachlose Rolf Schulze von drei rechten Skinheads gefoltert und später mit Benzin übergossen und angezündet worden.* Fehler Druckversion

Jan: organisiert sich im alternativen Jugendclub Mittendrin in Neuruppin. 2012 hatten die Jugendlichen die Umbenennung einer Straße in Emil-Wendland-Straße gefordert. Der 50-Jährige Obdachlose Emil Wendland war am 1. Juli 1992 von drei Neonazis, die sich zum „Penner klatschen“ verabredet hatten, im Rosengarten von Neuruppin (Brandenburg) erstochen worden.

Warum findet ihr es wichtig, Todesopfern rechter Gewalt zu gedenken?

Julia: Über das, was passiert ist, wird geschwiegen bis es wieder passiert. Deshalb ist es wichtig, dass es eine Aufarbeitung gibt. Wir wollen zeigen, dass hinter rechter Gewalt rechte Ideologie steht, dass rechte Ideologie die Hemmschwelle für Gewalt herabsetzt und dass diese Gewalt dann auch zum Tod führen kann.

Ronny: Leute haben die Vorstellung, dass Morde immer woanders passieren. Es gab aber eben auch in dieser Stadt jemanden, der von Nazis ermordet wurde. Das war vollkommen verdrängt. Man hat es einfach vergessen. Wir wollten das greifbar machen und dachten auch, dass dieser lokale Bezug ein Ansatzpunkt für Jugendliche ist, um sich mit Nazis zu beschäftigen. Dass die dann sagen: Und was machen die Nazis heute? Aber wir wollten auch zeigen: Rolf Schulze war nicht nur ein Obdachloser sondern ein Mensch, der eine eigene Geschichte hat, und die wollten wir erfahren.

Dieter: Vor allem finde ich es wichtig, um den alltäglichen Rassismus weiterhin zu bedenken. Denn der ist nicht weg.

Geht es euch eher um das Aufzeigen einer Kontinuität vom NS-Faschismus zu den jetzigen Nazis oder darum zu zeigen, dass die Mitte der Gesellschaft rassistisch oder sozialdarwinistisch handelt?

Jan: Naja, die Nazis, die in Brandenburg Morde begangen haben, sind ja nicht unbedingt ideologisch gefestigte Nazis. Sondern sie haben ihr Überlegenheitsgefühl ausgelebt, Menschen abgewertet und ihnen das Menschsein abgesprochen.

Ronny: Das muss man nach dem Einzelfall beurteilen. Die Mörder von Rolf Schulze z.B waren alle bei der Nationalistischen Front. Die waren in Wehrsportgruppen organisiert. Das waren durchaus gefestigte Nazis. Und Sascha Lücke, der 1996 Sven Beuter ermordet hat, ist seit 20 Jahren Neonazi und war auch damals schon organisiert.

Jan: Uns geht es auch um die Politik der Ausgrenzung. Wir sagen, die Nazis haben Emil Wendland auf Grundlage ihrer Ideologie ermordet. Aber die Legitimation dafür können sie aus dem Bestehenden ableiten. Sie können sich als Vollstrecker des Volkswillens zelebrieren. Wenn ein Mensch, der nicht arbeitet, als Sozialschmarotzer wahrgenommen wird, dann ist der Schritt, ihn umzubringen, in dieser Logik ja eigentlich nur konsequent. Uns geht es darum, diese Logik anzugreifen. Da den Finger in die Wunde zu legen und zu sagen: Nee, mit Freiheit und Demokratie hat das nichts zu tun, wenn hier Häuser leer stehen, aber Menschen auf der Straße erfrieren.

Dieter: Menschenverachtung und Diskriminierung haben unterschiedliche Gesichter. Das muss nicht nur rassistisch sein, Menschenverachtung kann auch sozialdarwinistisch, homophob oder sonst wie ausgelebt werden. Die Leute, die damals zugeschlagen haben, egal wie betrunken oder ideologisch gefestigt sie waren, wollten Leute raus haben. Raus aus unserem Ort! Und letztendlich: Raus aus dem Leben! Die Erinnerung an Ausgrenzung, die bis zum Letzten ging, wollen wir weiter präsent halten in der Kommune. Wir wollen sagen: Ihr könnt tun, was ihr wollt! Die Diskussion wird nicht abebben bis nicht ein anderer Geist in unsere Städte und Dörfer kommt.

Ronny: Es geht darum, die Morde wieder in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, über Neonazismus und Rassismus zu diskutieren und Konzepte dagegen zu entwickeln. Neonazistische Ideologie ist eine mordende Ideologie. Wir finden, dass man gegen diese Ideologie was machen kann und was machen muss. Bei Sven Beuter hat sich, seit 2007 eine Gedenkplatte verlegt wurde, die Stadt aus dem Gedenken zurückgezogen. 2011 hat der Bürgermeister gesagt, dass ein Gedenken eigentlich nicht mehr notwendig ist. Das ist der falsche Weg! Man darf diese Tat nicht vergessen und man darf nicht vergessen worauf Neonazismus und Rassismus letztendlich hinauslaufen.

Wie kommt es jetzt 15, 20 Jahre nach den Morden zu diesen neuen Impulsen für Gedenkaktivitäten?

Julia: Wir hatten die Ausstellung der Opferperspektive über Todesopfer rechter Gewalt zu uns geholt. Das war ein Anstoß, mehr zu recherchieren und das auch in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir kennen in Brandenburg namentlich etwa 30 Todesopfer rechter Gewalt. Anerkannt sind davon nur neun. Da muss man sich fragen, liegt hier auch ein Versagen der Behörden vor? Was ist mit den Opfern, die nicht anerkannt wurden? Man kann nicht sagen, das war damals, wir haben alles überwunden. Nein, die Probleme sind immer noch da. Sie wurden 1992/93 einfach unter den Teppich gekehrt.

Ronny: Bei Sven Beuter gab es ein kontinuierliches Gedenken in verschiedenen Wellen. Erst hat es die Antifa gemacht, weil die Leute, die damals in der Antifa waren, ihn auch persönlich kannten. Dann hat's irgendwann die Partei Die Linke übernommen. Jetzt haben wir das wieder als Antifagruppe übernommen.

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Foto: Presseservice Rathenow

Und dass zu Rolf Schulze nichts passiert ist, liegt einfach daran, dass dieser Mord lange nicht präsent war. Das ist an vielen Leuten einfach vorbeigegangen. Tatort und sein ehemaliger Wohnort liegen 80 km voneinander entfernt und es gibt keine persönliche Beziehung der Lehniner zu Täter oder Opfer. Dann glaube ich, dass Rolf Schulze wegen seiner Obdachlosigkeit nicht so in der Gesellschaft verankert war und es dadurch keine Freunde gibt, die sich mit seinem Mord intensiv auseinandersetzen. Und was noch ein Problem ist, ist der Ort. Der Mord ist ja außerhalb von Lehnin an einem See im Wald passiert. Da kommt man nicht einfach so vorbei. Und so kann man das halt auch leicht verdrängen. Außerdem: An einen Ort wie Lehnin kommen viele Touristen. Da will man eigentlich mit so was nichts zu tun haben. Das war das Feedback, das wir von der Lehniner Bevölkerung erhalten haben.

Jan: Bei uns stand das im Kontext von 20 Jahre Lichtenhagen. Das war der Punkt zu sagen, was war denn damals vor 20 Jahren bei uns? Ich glaube, 20 Jahre, das ist symbolisch etwas, das dazu anregt, sich endlich mal darum zu kümmern. Aber wenn du fragst, warum nicht vorher? So etwas braucht auch immer erst mal ein bisschen Zeit.

In den 90ern wäre das nicht möglich gewesen. Da haben die Leute zugesehen, dass sie nicht selber umgebracht werden, ihre Häuser nicht angezündet werden. Da war auch das gesamtgesellschaftliche Klima noch viel ignoranter. Wir haben für die Recherche die Archive 1992 durchgeblättert. Da gab es auch noch ganz, ganz viele andere Fälle. Wirklich krasse Sachen. Brandanschläge gegen ein Spätaussiedlerheim, bei denen glücklicherweise niemand gestorben ist. Da war eigentlich wöchentlich was los in dieser Stadt. 100 bis 300 Nazis, die sich irgendwo sammeln und ein Haus angreifen oder vor einer Disko drohen: Wenn ihr die und die Leute nicht rausschickt, dann machen wir alles kaputt. Man hat immer von den Älteren gehört, wie schlimm es war. Aber sich noch mal deutlich zu machen, was da los war und was die Leute aushalten mussten, die sich dagegen gestellt haben! Da haben wir ja heute eher ruhige Zeiten. Ich glaube, dass ist auch ein Punkt, warum sich Leute jetzt mit Gedenken befassen können. Weil die direkte Bedrohung für Leute, die politisch aktiv sind, deutlich geringer geworden ist.

Dieter: Ich denke auch, dass es Zeit braucht, um Gedenken längerfristig zu verankern. Wobei – wie gesagt – das Gedenken an Amadeu Antonio in Eberswalde ja jedes Jahr stattfand. Ein Anlass für den Vorschlag zur Straßenumbenennung, den wir im April 2011 machten, war der 50. Geburtstag von Amadeu Antonio am 12. August 2012.

Habt ihr neben Gedenktafel und Straßenumbenennung auch andere Formen des Gedenkens diskutiert?

Jan: Das wurde nicht breit diskutiert. Es gibt ja die Initiative 'Niemand ist vergessen'. Das ist – wenn man selbstkritisch ist – leider nicht wahr. Denn es gibt ja viele, denen heute nicht gedacht wird. Aber es formuliert zumindest einen Anspruch. Eine Straßenumbenennung ist zumindest ein Garant dafür, dass der Mord für die nächsten Jahre nicht vergessen wird. Wenn du auf die Karte oder ins Internet guckst, siehst du den Namen und hast einen direkten Bezug dazu. Das ist von der Wahrnehmbarkeit her ziemlich gut.

Aber: Wer fragt sich heute noch, wer das ist, wenn du so einen Straßennamen siehst? Das ist eigentlich ein bisschen wenig. Wenn du da so 'n Stein zum Gedenken hast, verhinderst du damit, dass sich so was wiederholt? Oder musst du andere Sachen machen? Ich glaube, ein reines Gedenken, wird so was nicht verhindern.

Ronny: Aber das steht doch immer in einem Kontext. Du kannst doch Gedenkpolitik nicht losgelöst von antifaschistischer Arbeit betrachten. Das greift ineinander.

Während andere um eine Gedenkplatte kämpfen, kämpft ihr in Eberswalde um die Umbenennung einer Straße. Wie kommt ihr darauf, plötzlich, nachdem es diese Gedenktafel schon gibt, eine Straße zu fordern?

Dieter: Die Gedenktafel war ja eine Initiative der Zivilgesellschaft. Die wurde dann auch erst mal von den Nazis beschmiert und zerstört und musste noch mal neu gemacht und richtig an einem Pfeiler eingelassen werden. Sie befindet sich an einer stark befahrenen Durchgangsstraße. Man nimmt sie kaum wahr, weil sie ein Teil des Zaunpfahls sein könnte. Ein Motiv für die Forderung nach Straßenumbenennung war auch der Gedanke, dass Straßen nicht nur A und B verbinden sondern eine Richtung weisen. Das war für uns symbolisch, die Amadeu-Antonio-Straße wäre auch im übertragenden Sinne wegweisend. Denn damit sagt man, dass die Vergangenheit zu dieser Stadt gehört. Wir meinten: Wenn Eberswalde einen ehrlichen und offenen Schritt zur Aufarbeitung tun will, dann sollte die Stadt auch mit einer offiziellen Geste diese Straße umbenennen. Nach einer zivilgesellschaftlichen Initiative, wäre das der Schritt zu einer offiziellen Anerkennung. Auch ein sichtbares Zeichen für die Verwandten, z.B. für seine Mutter und Geschwister in Angola, die lange Zeit nicht sichtbar waren und jetzt erst in dem Prozess zur Straßenumbenennung gedanklich reingeholt wurden.

Julia: Uns war es wichtig, gerade an diesem Ort, da, wo die Tat passiert ist, am ehemaligen Wohnort des Herrn Lommatzsch, einen Gedenkort zu schaffen, so dass man - ein bisschen ähnlich wie bei Stolpersteinen - wenn man vorbeigeht, drüber stolpert und sagt, aha hier ist also so was passiert! Das ist natürlich bei Fällen, wo jemand im Wald umgekommen ist, etwas schwieriger umzusetzen. Aber Straßenumbenennung war kein Thema.

Jan: Den Stolpersteinvergleich finde ich gar nicht so unpassend. Es geht darum, dass die Leute realisieren, dass das nicht etwas ist, dass ganz weit außen passiert, womit man nichts zu tun hat, sondern da, wo man selber wohnt, da ist es passiert.

Dieter: Ich wollte noch eine Sache nachtragen, weshalb wir die Straßenumbennenung vorgeschlagen haben: Es gab ja auch zur DDR Zeit schon Schwarze, die erschlagen wurden. Und in diesem Abschnitt der Eberswalder Straße, den wir umbenennen wollen, da befanden sich auch die Wohnheime der Vertragsarbeiter. Die waren ja – ähnlich wie heute viele Flüchtlinge – in Heimen untergebracht, mit möglichst wenig Kontakt zur Bevölkerung. Auch dadurch sind die Ressentiments gestiegen. Das wollten wir mit dem Vorschlag verbinden, also den Tatort und den Ort der strukturellen Ausgrenzung.

Gab es auch Überlegungen zu anderen Formen des Gedenkens?

Ronny: Nicht wirklich. Eine Kundgebung, auf der man dann letztendlich jahrelang dasselbe erzählt, reizt irgendwann keinen mehr. Wir haben dieses Jahr versucht, über einen Gedenkspaziergang ein bisschen mehr draus zu machen. Aber ich habe keine Antwort. Man braucht sich ja nur das Gedenken an Silvio Meyer angucken. Naja gut mit der Umbenennung der Straße passiert jetzt was. Aber ansonsten? Selbstfeierung der linken Szene.

In Lehnin gab es die Idee, Schüler anlässlich des Gedenktages zum Thema Rechtsextremismus oder zum Thema Sozialdarwinismus recherchieren zu lassen, als eine andere Form von Auseinandersetzung.

Ronny: Ja, das steht auch immer noch im Raum. Da war ja eine Lehrerin mit ihren Schülern da. Ich glaube, das ist ein wichtiger, richtiger Weg, um junge Leute mit der Geschichte ihres Dorfes, ihres Wohnortes in Kontakt zu bringen.

Was habt ihr, Dieter, als älteste Initiative am Tisch denn diskutiert, wie sich Erinnerung wachhalten lässt?

Dieter: In der Vorbereitung wurde uns klar: Wer schlimme Entwicklungen und Taten verdrängt, sie nicht wahrnimmt, fühlt sich auch nicht verpflichtet, etwas zu ändern. Darum arbeiten wir für deren Wahrnehmung und für die Verknüpfung mit unserer Gegenwart. Wir kennen in Eberswalde beispielsweise einen Schwarzen Deutschen, der das KZ überlebt und ein Buch darüber geschrieben hat. Ihn baten wir um eine kurze Lesung beim Gedenken im letzten Jahr. Aber er konnte dann aus gesundheitlichen Gründen nicht. Wir nehmen immer wieder Elemente mit rein, an denen deutlich wird, dass Rassismus nicht bloß vor 20 Jahren sondern auch vor 150 Jahren ein Problem war und immer noch ist. Um diese Kontinuität, die sowohl die DDR, als auch die BRD überdauerte, deutlich zu machen. Wir nennen das „Zeugnisse der Betroffenheit“. Das knüpft an den Prozess an, der in den DDR-Kirchen 1987-1989 gelaufen ist, der „Konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“. Da spielten „Zeugnisse der Betroffenheit“ eine wichtige Rolle, weil da Leute auftraten, die gesagt haben, was uns in dieser DDR und auch weltweit, also nicht bloß als DDR Opposition, nervt.

Es gibt ja schon seit Jahren die Diskussion um die Anzahl der Todesopfer rechter Gewalt. Das Brandenburger Innenministerium hat jetzt als Konsequenz von den NSU Morden angekündigt, alte Fälle aufzuarbeiten und sich die alten Akten noch mal vorzunehmen. Das Moses-Mendelssohn-Zentrum wurde mit der Prüfung betraut. Welche Rolle spielt es für euch, ob die Getöteten als Opfer rechter Gewalt staatlich anerkannt werden?

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Foto: Ligth me Amadeu

Jan: Wir haben das offensiv angegriffen. Wir haben gesagt, das ist Propaganda, die dafür da ist, zu verharmlosen. Darauf legen wir keinen Wert. Wir haben nicht das Ziel, beim Staat darum zu betteln, dass er Opfer rechter Gewalt anerkennt. Diese Anerkennung hilft niemandem. Was mit dieser Statistik an Politik gemacht wird, ist widerlich. Allein, dass Leute, je nachdem wie die Regierung gerade drauf ist, von den Listen gestrichen werden oder nicht, das ist schäbig. Wir sagen, ihr seid sowieso ein Teil des Problems, weil ihr verharmlost.

Ronny: Ich sehe das anders. Es geht nicht darum, den Staat anzubetteln, sondern ihn dazu zu kriegen diese Morde anzuerkennen, um ein Argument zu haben, dass der Staat was tun muss.

Julia: Als wir die Initiative gestartet haben, gab es diese Überprüfung noch nicht. Und das war auch eines der Ziele, die wir erreichen wollten, dass die Fälle, die wir nachrecherchieren, auch in der Statistik auftauchen. Für uns war immer klar, durch das Auftauchen in der Statistik, auch wenn es vielleicht missbraucht wird, gibt man den Opfern ein Gesicht. Und das wollen wir erreichen. Zum anderen – da stimme ich vollkommen zu – muss man auch dem Staat sein Versagen klar vor Augen führen, um Argumente dafür zu haben, das er sich mit Neonazismus und weiteren Diskriminierungsformen auseinandersetzt. Aber ich frage mich auch, was bei so einer Untersuchung rauskommen soll, wenn vielleicht in den Akten steht, es waren keine Neonazis, weil in den 90er Jahren so was überhaupt nicht berücksichtigt wurde, sondern gesagt wurde, wir haben ja keine Neonazis hier. Was dann? Was passiert, wenn die Opfer dann immer noch nicht anerkannt werden?

Dieter: Ich finde den Kampf um die Anerkennung wichtig. Aber er verschleiert auch viele Fälle, die im Graubereich liegen. Es gibt viele nicht-angezeigte rechte Straftaten, die keine Tötungsdelikte sind, aber bei denen Leute zu Schaden gekommen sind. In Eberswalde sind beispielsweise auch weiße Frauen von Schwarzen, z.T. in ihren Wohnungen, attackiert worden. Eine Frau ist mit einer Axt auf offener Straße angegriffen worden. Das sind alles Sachen, die in keiner Statistik auftauchen. Ich bin einerseits froh, dass es greifbare Zahlen gibt. Denn so kann man sagen: „Das ist kein Randphänomen!“ Das sind nicht bloß 10 Leute, sondern es ist eine erheblich Anzahl. Aber auf der anderen Seite, konzentriert man sich dann nur auf die Todesopfer und verdeckt damit vielleicht auch was.

Jan: Wann immer man von Opfern rechter Gewalt spricht, wird niemals die Statistik der Bundesregierung herangezogen, sondern immer die Recherchen vom Tagesspiegel und anderen Zeitungen. Allein die Diskrepanz! Es handelt sich ja nicht um 2 Morde sondern um über 100! Das ist für mich ein Brandmal. Ich appelliere da nicht an den Staat und sage: Löst den Rassismus. Das werden die nicht von sich aus machen. Das müssen wir denen abringen. Von daher sehe ich keinen Sinn in so einer Bitte an den Staat.

Julia: Das ist keine Bitte an den Staat. Nein, das ist eine Notwendigkeit.

Dieter: Noch wichtiger als eine staatliche Statistik finde ich, dass es ein System gibt, wie die ermittelnden Behörden damit umgehen, wenn sie naheliegende Indizien haben, dass da was Rechtes oder Rassistisches passiert ist. Es gibt ja kein System, wer dann informiert wird. Im besten Fall findet die Opferperspektive in irgendeinem Bericht etwas und fragt noch mal nach. Ich kann dazu ein konkretes Beispiel nennen: Einen Tag vor Weihnachten 2011 gab es in Eberswalde eine rassistisch motivierte Körperverletzung. Die wurde erst Monate später bekannt. Dann haben wir drei Mal beim Bürgermeister vor Ort nachgefragt, was da gewesen ist. Er wusste davon nichts, hatte diese Meldung nicht gekriegt. Drei Nachfragen bis dann im September eine auch nur halb klare Antwort kam. Das ist kein System! Ein System wäre, wenn zumindest der Bürgermeister oder am besten auch jemand von der Zivilgesellschaft informiert würde, dass da jemand angegriffen worden ist. Vielleicht traf es ja Menschen aus dem Ort und man kann sich um sie kümmern?

Das vollständige Interview ist erschienen im Buch der Opferperspektive (Hrsg.): „Rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt. An der Seite der Betroffenen beraten, informieren, intervenieren“. Verlag Westfälisches Dampfboot, 19,90 €, ISBN: 978-3-89691-947-2

Kampagne der Mobilen Opferberatung

"Wir erinnern an Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt"
Tatortfotos Dessau 2008
Parkbank am Dessauer Hauptbahnhof, an der
der 50-jährige Hans-Joachim Sbrzesny am
01.08.2008 zu Tode gequält wurde.
Foto: Stephanie Heide

Mindestens dreizehn Menschen starben in Sachsen-Anhalt seit 1990 in Folge von politisch rechts motivierten Gewalttaten: junge Punks, Arbeitsmigranten, Wohnungslose, sozial Randständige, Menschen, die von den Tätern als „politische Gegner“ gesehen wurden und Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen. Doch lediglich sieben der Getöteten werden in den offiziellen Statistiken auch als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Und bislang beschränkt sich das öffentliche Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt auf vier Orte in Dessau-Rosslau und Magdeburg, wo in jährlichen Gedenkveranstaltungen an Alberto Adriano, Torsten Lamprecht, Frank Böttcher und Rick Langenstein erinnert wird.

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Mit der Kampagne „Wir erinnern an alle Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt“ will die Mobile Opferberatung diese Situation ändern und sich für ein würdiges, öffentliches und nachhaltiges Gedenken an alle Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt einsetzen. Mit unserer Kampagne soll den oftmals längst vergessenen Opfern auch öffentlich wieder Namen, Gesichter und Geschichten zurück gegeben werden. Zudem wollen wir deutlich machen, dass es jenseits des Terrors des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) eine tödliche Dimension rechter Gewalt gibt, deren Opfer und Angehörige Solidarität und Unterstützung benötigen. Denn noch immer mangelt es vielerorts an Sensibilität für und Anerkennung von jener ganz alltäglichen rechten Gewalt, die das Leben vieler Menschen in Sachsen-Anhalt beeinträchtigt. Obwohl die Tatorte der tödlichen rechten Gewalt beispielsweise der 1990er Jahre auch heute noch größtenteils Schwerpunkte für rechte und rassistischer Angriffe sind.

Damit will die Mobile Opferberatung auch oft vergessene und gesellschaftlich besonders stigmatisierte und marginalisierte Betroffenengruppen politisch rechts motivierter Gewalt in den Fokus der öffentlicher Wahrnehmung rücken. Dazu gehören insbesondere Wohnungslose und sozial Randständige sowie Menschen mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen.

Kampagnenauftakt in 2013

In der ersten Phase der Kampagne entsteht eine interaktive Website, die im Winter 2013 vorgestellt werden soll. Sie wird Fotos und kurze biografische Informationen zu den Getöteten sowie Erinnerungen an sie durch Angehörige und Freund_innen, Hintergrundinformationen zu den einzelnen Tötungsdelikten, Beiträge aus unterschiedlichen Medien – wie beispielsweise Radio und Fernsehdokumentationen - beinhalten. Aktuelle Fotos von den Tatorten - die bis auf wenige Ausnahmen heute als solche nicht mehr erkennbar sind – machen es möglich, dass zukünftige Gedenkorte für alle sichtbar und zugänglich gemacht werden. Die interaktive Website ist gleichzeitig auch eine Einladung: Für die Website sucht die Mobile Opferberatung eigene Beiträge von Initiativen, Einzelpersonen, Schulklassen oder Bündnissen vor Ort, denn wir wollen explizit vielen Interessierten die Möglichkeit bieten, ihre Form des Erinnerns und ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema vor Ort öffentlich darzustellen.

Im Jahr 2014 werden dann in der zweiten Phase in Zusammenarbeit mit lokalen Kooperationspartner_innen - und wenn möglich auch gemeinsam mit Angehörigen und Freund_innen der Getöteten - in den Kommunen sichtbare Orte der Erinnerung an den jeweiligen Tatorten oder an anderen geeigneten Orten im öffentlichen Raum geschaffen. Neben der Installation von Skulpturen, Stelen, Gedenktafeln oder -steinen sollen vor Ort auch mit den Getöteten in Verbindung stehende Geschichten, beispielsweise Interviews mit Angehörigen, Anwälten, Freund_innen des Getöteten als Audiobeiträge zugänglich gemacht werden.

Kontakt: wuerdiges-gedenken@mobile-opferberatung.de

Für Trauer und Zorn.

Plädoyer gegen eine Ökonomie des Gedenkens

In diesem Aufsatz aus dem Jahr 2013 setzt sich Deniz Utlu mit der politischen Instrumentalisierung von Gedenken einerseits und den positiven Möglichkeiten eines emotionalen, individuellen Gedenkens andererseits auseinander.

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