Antonio Melis

Antonio Melis wurde am 14.02.1960 im italienischen Villagrande Strisaili geboren. Der Italiener lebte in Caputh und arbeitete dort als Koch in der direkt neben der Fähre gelegenen Pizzeria „La Gondola“. Melis plante kurz vor seiner Ermordung, nach Berlin zu ziehen, da er in Caputh Wohnungsprobleme hatte und zeitweise im Hotel „Goldener Anker“ lebte. Vermutlich betrieb sein Bruder in Berlin ebenfalls eine Pizzeria, in der der 37jährige hätte arbeiten könnten.1

DIE TAT

Am Abend des 13. Februar 1997 kommt es in der Kellerbar des Hotels „Goldener Anker“ in Caputh zu einem heftigen Streit zwischen dem 37jährigen Italiener Antonio Melis und den beiden Deutschen Andreas M. (25) und Holger H. (18). Hintergrund ist u.a. die Heirat von Andreas M.s Ex-Freundin mit einem Kosovo-Albaner. Dieser ist ein Arbeitskollege von Melis. Andere Mitarbeiter von „La Gondola“ werden später berichten, Andreas M. hätte es nicht ertragen, dass ein Ausländer ihm die Freundin ausgespannt habe und deshalb immer wieder Streit mit dem neuen Mann seiner Ehemaligen gesucht. Der Streit zwischen den drei Männern eskaliert vor dem Hotel. Aus einer Schreckschusspistole werden sieben Schüsse abgegeben, unklar ist allerdings, von wem. Antonio Melis wird von den beiden Tätern durch unzählige Schläge und Tritte so schwer verletzt, dass er bewusstlos am Boden liegen bleibt. Um ihre Tat zu vertuschen, beschließen die beiden, den Italiener zu töten. Zuerst versuchen sie, Melis mit einem Glasschneidemesser zu erstechen, was misslingt. Anschließend schleifen sie den bewusstlosen 37jährigen 500 Meter bis zur Havel. Dort ertränkt ihn der 18jährige Holger H. Erst einen Monat später, am 14. März 1997, wird sein Leichnam von einem Fischer neben der Caputher Fähre gefunden. Sie hatte sich in einer Reuse verfangen.2
Obwohl Melis in dem kleinen Ort bekannt ist, geht niemand zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige zu erstatten. Und das, obwohl viel über das Verschwinden des italienischen Kochs geredet wurde.3

Das Verfahren

Von der Staatsanwaltschaft Potsdam werden Holger H. und Andreas M. gemeinschaftlich begangener Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.4 Vor dem Landgericht Potsdam wird der 18jährige Haupttäter Holger H. zu neun Jahren Jugendstrafe und sein Mittäter Andreas M. zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Einen ausländerfeindlichen Hintergrund erkennen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht nicht5, obwohl mehrere Zeugen gegenüber den Medien von rassistischen Sprüchen des älteren Mittäters berichteten, die nach der Trennung von seiner Freundin noch zugenommen hätten. Außerdem sei er als Schläger bekannt, vor dem viele Angst hätten.6 Das Gericht geht vielmehr davon aus, dass der Streit von Antonio Melis provoziert worden sei und stützt sich mit dieser Einschätzung fast ausschließlich auf die Einlassungen des Angeklagten Andreas M. Im Laufe der Streitigkeiten in und vor der Gaststätte habe Melis sich obszön über die Mutter von Andreas M. geäußert. Dies habe eine „psychopathologische Reaktion“ bei M. ausgelöst, in deren Folge es zur „Gewaltorgie“ gekommen sei. Das Gericht schließt eine "seelische Störung" und eine daraus folgende verminderte Steuerungsfähigkeit bei Andreas M. nicht aus.7

Weder von der Polizei noch vom Gericht wird ein mögliches rassistisches Tatmotiv geprüft, obwohl Antonio Melis als Migrant zu einer klassischen Opfergruppe rechter Gewalttaten gehört und der Journalist Frank Jansen bei seinen Vor-Ort-Recherchen in Caputh Anhaltspunkte für eine mögliche rassistische Tatmotivation fand. Nach Einschätzung der Opferperspektive kann ein rassistisches Tatmotiv nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden, deshalb bewerten wir den Mord an Antonio Melis weiterhin als Verdachtsfall.

Das Gedenken

Ein öffentliches Gedenken hat bisher nicht stattgefunden.


Die Quelle

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 111
2 Frank Jansen, „Tod eines Italieners in Caputh: Mordprozess“, in: Tagesspiegel v. 14.09.1997
3 Frank Jansen, „Plötzlich war der Italiener weg“, in: Tagesspiegel v. 19.03.1997
4 Frank Jansen, „Seelische Störung und Alkohol: Gewaltorgie“, in: Tagesspiegel v. 04.11.1997
5 Frank Jansen, „Tod eines Italieners in Caputh: Mordprozess“, in: Tagesspiegel v. 14.09.1997
6 Frank Jansen, „Plötzlich war der Italiener weg“, in: Tagesspiegel v. 19.03.1997
7 Frank Jansen, „Seelische Störung und Alkohol: Gewaltorgie“, in: Tagesspiegel v. 04.11.1997