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Angriffsdatum: 29. März 2003

ENRICO SCHREIBER

zwei Kerzen vor MauerEnrico Schreiber wird am 30. Juli 1977 geboren. Viele Jahre gehört er zur Punkszene in Frankfurt (Oder). In dieser Zeit wird er mehrmals von Neonazis, die Jagd auf Punks machen, verfolgt und angegriffen. [1] Er erstattet jedoch nie Anzeige gegen die Angreifer_innen. [2] Etwa seit dem Frühjahr 2002 ist er nicht mehr Teil der Punkszene, behält aber weiterhin seinen Spitznamen „Punki“. Unter diesem Namen kennen ihn auch die Neonazis. Enrico Schreiber wohnt häufig bei Freund_innen.

DER ORT

Eine aktive rechte Szene gibt es in Frankfurt (Oder) mindestens seit Anfang der 1990er Jahre. Als 1991 der visafreie Grenzverkehr zwischen Deutschland und Polen eingeführt wird, kommt es in der Stadt zu massiver Gewalt gegen Pol_innen. Zwischenzeitlich sind hier die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), die NPD und verschiedene Kameradschaften aktiv. Zu den vor Ort aktiven Neonazis zählt zum Beispiel der Liedermacher Jörg Hähnel, der auch später noch lange Führungspositionen bei der NPD inne hat.

Für das Jahr 2003 verzeichnet die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt (BOrG) in Frankfurt insgesamt acht Angriffe auf Geflüchtete, alternative Jugendliche und Student_innen.

Der Umgang mit extrem rechten Strukturen und rechter Gewalt ist in Frankfurt Anfang der 2000er Jahre ambivalent. Einige Vertreter_innen aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und die örtliche Antifa-Gruppe, die sich in der „Plattform gegen Rechts“ zusammengeschlossen haben, stellen sich den rechten Strukturen entgegen. Es gibt Menschen, die die Aktivitäten der rechten Szene beobachten und öffentlich machen. Betroffene von rechter Gewalt werden von der BOrG unterstützt, die seit 1999 ehrenamtlich in der Stadt arbeitet. Auch in Stadtpolitik und -verwaltung werden die extreme Rechte und die von ihr ausgehende Gewalt ernster genommen als in den 1990er Jahren. Dennoch ist gerade die Haltung offizieller Stadtvertreter_innen nach wie vor von Unwissenheit oder gar Ignoranz geprägt. Die rechte Szene wird meist unzureichend als Jugendphänomen interpretiert. Vertreter_innen der Stadt und der Polizei versuchen, rechter Gewalt durch Gesprächsrunden mit NPD-Kadern beizukommen.

DIE TAT

Den Abend des 28. März 2003 verbringt Enrico Schreiber mit Freund_innen in einer Kneipe. Am späten Abend geht er in die nahe gelegene Wohnung seines Bekannten Holger B., um sich dort schlafen zu legen. Gegen 23:30 Uhr treten drei Männer die dortige Wohnungstür ein. Sie gehören zur rechten Skinheadszene der Stadt und sind u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung und Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen vorbestraft. In dieser Nacht sind sie auf der Suche nach einem anderen Bewohner des Hauses, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen – laut ihren Aussagen soll er die Freundin des 20- Jährigen angefasst haben. Für den Angriff auf ihn haben sich die Brüder M. und D. S. sowie ihr Kumpel S. B. u.a. mit Wurfmessern bewaffnet. Einer von ihnen trägt eine Kette mit einer Hakenkreuzeinprägung.

Anstelle des gesuchten Hausbewohners finden die drei den auf der Couch schlafenden, stark alkoholisierten Enrico Schreiber vor. Sie erkennen ihn sofort und wissen, dass er lange zu der von ihnen verhassten Punkszene gehört hat. S. B. möchte sich direkt auf Enrico Schreiber stürzen, wird aber von den Brüdern zunächst zurückgehalten. „Um sich warm zu machen“, so seine spätere Aussage [3], tritt er stattdessen als Erstes die Glasscheibe der Balkontür ein. Die Brüder gehen währenddessen zu Enrico Schreiber und verlangen von ihm Informationen zum Aufenthaltsort des Gesuchten. Dabei schlagen sie immer wieder mit Fäusten auf ihn ein. Enrico Schreiber zuckt nur mit den Schultern. Daraufhin kommt es zu weiteren massiven Misshandlungen, an denen sich nun auch S. B. maßgeblich beteiligt. Die Täter zertrümmern eine gläserne Kaffeekanne und Bierflaschen auf Enrico Schreibers Kopf und springen wiederholt mit voller Wucht auf seinen Oberkörper. Einer von ihnen sticht mehrfach mit einem Wurfmesser in sein Bein. Währenddessen durchsuchen die anderen beiden die Wohnung nach Wertsachen, stehlen eine Playstation sowie Handy und Geldbörse des mittlerweile schwer verletzten Enrico Schreiber. [4]

Anschließend verlassen die Täter die Wohnung, kehren jedoch kurze Zeit später zurück , um die Geheimzahl der von ihnen erbeuteten EC-Karte von Enrico Schreiber zu erpressen. Diesmal ist auch die Freundin des einen Täters dabei. Als sie den blutüberströmten Enrico Schreiber reglos auf der Couch liegen sieht, fordert sie, einen Notarzt zu verständigen. Ihre Begleiter verwehren ihr dies, woraufhin sie die Wohnung verlässt. Unterdessen stechen die Täter Enrico Schreiber das Messer in den noch unverletzten Unterschenkel. Anschließend verlassen sie die Wohnung wieder – ohne die Geheimnummer der EC-Karte, da Enrico Schreiber nicht mehr in der Lage ist, zu antworten.

Gegen 2:30 Uhr kommt der Wohnungsinhaber nach Hause und findet den Schwerverletzen auf dem Sofa. Er holt weitere Bekannte aus der nahe gelegenen Gaststätte, ruft einen Rettungswagen und leistet Erste Hilfe. Doch wenig später verblutet Enrico Schreiber im Klinikum Markendorf.

DAS VERFAHREN

Nachdem die Polizei zunächst in andere Richtungen ermittelt hat, meldet sich am 1. April 2003 ein Bekannter von M.S., der am Tatabend auf dessen Kinder aufgepasst hat, bei der Polizei, um eine Aussage zu machen. [5] Im Juli 2003 erhebt die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) Anklage gegen die Brüder D. und M. S. wegen Mordes aus Habgier und zur Verdeckung einer anderen Straftat (Raub). Dem Angeklagten S. B. wirft sie darüber hinaus vor, aus Mordlust gehandelt zu haben.

Beim Prozess sind die drei Angeklagten weitgehend geständig. Sie räumen ein, dass ihr Opfer „eigentlich keine Chance“ zur Gegenwehr hatte. [6] Im Dezember 2003 verurteilt die 1. Strafkammer des Landgerichtes Frankfurt (Oder) die Täter wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung sowie wegen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der 29-jährige M. S. erhält eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren. Die beiden jüngeren Täter werden zu sieben bzw. acht Jahren Haft nach dem Jugendstrafrecht verurteilt.

Ein politisches Motiv sieht die Staatsanwaltschaft nicht. Ihrer Einschätzung nach habe es bei dem Mord keine Rolle gespielt, dass Enrico Schreiber als ehemaliger Punk in das Feindbild der rechten Skinheads fiel. Auch im Gerichtsurteil wird die rechte Gesinnung der Täter mit keinem Wort erwähnt und eine politische Motivation findet keine Berücksichtigung, nicht einmal als tateskalierender Aspekt [7]. Aus einigen Aussagen der Täter im Nachgang der Tat lässt sich jedoch schließen, dass die rechte Gesinnung der Täter zumindest eine tateskalierende Rolle gespielt hat. So gibt etwa der Angeklagte S. B. zu, dass er nach der Tat einem Freund berichtet habe, sie hätten – so seine gewaltvolle Ausdrucksweise – „einen Punker umgeklatscht“. Zudem sagen zwei Freundinnen der Angeklagten aus, die drei Täter hätten nach der Tat abfällig geäußert: „Es war ja nur ein Punk“. [8]

Im Gerichtsurteil wird allerdings lediglich erwähnt, M. S. habe eingeräumt, Enrico Schreiber bereits gekannt zu haben, „sie seien jedoch keine Freunde gewesen“. Der Täter sei davon ausgegangen, „Punki“ würde lediglich ein paar „Kellen“ bekommen und wie sonst auch keine Anzeige bei der Polizei stellen. Er muss also bereits vor dem tödlichen Angriff bei Überfällen auf Enrico Schreiber dabei gewesen sein. [9] Dies hat für das Gerichtsurteil jedoch keinerlei Konsequenzen.

DAS GEDENKEN

Im Rahmen einer Erinnerungskampagne für Todesopfer rechter Gewalt benennt eine antifaschistische Initiative im Jahr 2011 kurzfristig Straßenbahn-Haltestellen in Bonn-Kessenich um. Im Rahmen der Aktion erhält eine der Stationen den Namen von Enrico Schreiber. [10] In Frankfurt (Oder) hat bisher hingegen kein öffentliches Gedenken an ihn stattgefunden.

 


[1] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990, 2015, S. 176

[2] Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003, S. 32 und 43

[3] Ebd. S. 27-28

[4] Frank Jansen: Mordanklage gegen rechte Schläger, in: Tagesspiegel v. 27.08.2003

[5] Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003

[6] Das Opfer hatte keine Chance, in: Märkische Oderzeitung v. 17.09.2003

[7] Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003

[8] Frank Jansen: Es war ja nur ein Punk“, in: Tagesspiegel v. 24.09.2003

[9] Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003

[10] Beitrag zu Enrico Schreiber auf dem Blog der Initiative Break the silence

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