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Angriffsdatum: 31. Januar 1997 | Todesdatum: 30. April 1997

PHAN VĂN TOẢN

Im Januar 1997 ist Phan Văn Toản 42 Jahre alt. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf unverzollter Zigaretten am S-Bahnhof Fredersdorf. Im Lauf seines Lebens ist er aus Vietnam nach Deutschland gezogen. Er hat eine Ehefrau und drei Kinder, die in Vietnam leben. Mehr ist uns über ihn leider nicht bekannt.

DER ORT

Mitte der 1990er Jahr gibt es auch in der kleinen Ortschaft am östlichen Rand von Berlin rechte Skinheads und nationalistische Jugendliche, sie sind aber nicht prägend für den Ort. Die lokale Szene ist indes gut vernetzt in der Region. Neonazistische Kameradschaften und parteiähnliche Strukturen versuchen gezielt Einfluss auf Jugendliche zu gewinnen, indem sie Kameradschaftsabende und vereinzelt Wehrsportübungen durchführen oder Demonstrationsteilnahmen und Fahrten zu Konzerten organisieren. Zudem ist in der Region rund um die nahe gelegene Stadt Strausberg die extrem rechte Partei „Deutsche Volksunion“ (DVU) sehr aktiv. Zirka ein Jahr nach dem Angriff auf Phan Văn Toản gründet sich in Strausberg darüber hinaus ein NPD-Stadtverband. 
Fredersdorf liegt an der S-Bahnstrecke Berlin-Strausberg. Auf den Bahnhöfen entlang dieser Stecke kommt es ab 1996 vermehrt zu Übergriffen auf Fahrgäste. Angepöbelt, angefeindet und angegriffen werden oft junge Menschen die sich nicht dem Dominanzanspruch rechter Cliquen unterwerfen, wie HipHop-Kids, Skater_innen, (vermeintlich) Linke. Viele Menschen werden auch aus rassistischen Motiven attackiert. [1]

DIE TAT

Am Vormittag des 31. Januar 1997 wird Phan Văn Toản am S-Bahnhof Fredersdorf von zwei Männern so schwer verletzt, dass er drei Monate später an den Folgen des Angriffs stirbt.

Die Täter gehören zu einer Gruppe, deren Freizeittreffpunkt die Fahrradaufbewahrung ist – eine alte Lagerhalle neben dem S-Bahnhof. Dort trinken sie regelmäßig Alkohol. Mit der Beaufsichtigung der Räder verdient sich einer aus der Runde etwas Geld dazu. Insbesondere der Haupttäter ist auch schon zuvor immer wieder durch unverhohlen rassistische Äußerungen aufgefallen.

Direkt vor der Fahrradaufbewahrung verkauft Phan Văn Toản mit einer Bekannten regelmäßig illegal Zigaretten. Aus Verstecken, in denen er diese lagert, werden ihm immer wieder welche gestohlen – wie er glaubt, auch von Mitgliedern der Clique von der Fahrradaufbewahrung. Aus diesem Anlass kommt es zum Streit: Phan Văn Toàn stellt die Männer aus der Gruppe wegen eines neuerlichen Zigarettendiebstahls zur Rede. Doch diese reagieren mit massiver Gewalt. Der 36-jährige U. Z. schlägt Phan Văn Toản ins Gesicht. Dann kommt der 30-jährige O. S. dazu. Der über 1,90 m große und 100 kg schwere Mann packt Phan Văn Toản an den Hüften, hebt ihn hoch und schlägt seinen Kopf mehrmals mit voller Wucht auf den Steinboden, sodass er sich zwei Halswirbel bricht. [2]

Daraufhin verlassen die Täter den Tatort, während Phan Văn Toản dort bewusstlos liegen bleibt. Seine Bekannte, die das Tatgeschehen beobachtet hat, verständigt einen Krankenwagen. Er wird mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

NACH DER TAT

Nach dem Angriff liegt Phan Văn Toản  mehrere Tage im Koma und ist fortan querschnittsgelähmt. Drei Monate kämpft er um sein Leben.

In einer Rehabilitationsklinik stirbt er schließlich an einem akuten Herz-Kreislauf-Stillstand. [3] Die Obduktion ergibt, dass der Tod die direkte Folge der schweren Misshandlungen gewesen ist.

DAS VERFAHREN

Das Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilt den Haupttäter wegen Totschlags zu neuneinhalb Jahren Haft. Sein Mittäter U. S. erhält ein Jahr auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung. [4]

Im Prozess benennt die Staatsanwaltschaft „dumpfen Ausländerhass“ als bestimmendes Motiv. Der Haupttäter bestreitet jeglichen Rassismus. Bekannte von ihm sagen hingegen während der polizeilichen Ermittlungen aus, er habe sich schon vor der Tat öfter abfällig über „Ausländer“ geäußert. [5] Doch vor Gericht ziehen sie diese Aussagen wieder zurück. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass die Staatsanwaltschaft „Ausländerhass“ danach nicht mehr als Tatmotiv betrachtet – obwohl viele Indizien in diese Richtung weisen. So äußert O. S. sogar während des Gerichtsprozesses Parolen, die seinen anti-asiatischen Rassismus überaus deutlich zeigen. [6]

Trotz dieser Sachlage ist das Gericht der Auffassung, dass die Tat „nicht von Ausländerfeindlichkeit getragen“ gewesen sei. [7] In der Urteilsbegründung heißt es: „Soweit überhaupt Wut auf Ausländer eine Rolle gespielt haben sollte, bildete diese jedenfalls nicht das dominante Motiv seines Handelns und war nur darauf gerichtet, dass die Vietnamesen ihren Standplatz etwas mehr abseits von der Fahrradaufbewahrung nehmen sollten.“

DAS GEDENKEN

Nach wie vor gibt es keinerlei Gedenken an Phan Văn Toản seitens der Kommune. Im Januar 2020 organisieren Vertreter_innen der Zivilgesellschaft eine erste Gedenkkundgebung für ihn. Sie gründen kurz danach die „Gedenkinitiative Phan Văn Toản“, die sich u.a. für die Schaffung eines öffentlichen Gedenkorts für Phan Văn Toản in Fredersdorf einsetzt. [8]


[1] Hinter den Kullissen. Faschistische Aktivitäten in Brandenburg – Update ’99,  S. 77-81
[2] taz Nr. 5148, 07.02.1997: Aus Haß in den Rollstuhl geprügelt
[3] Berliner Zeitung, 03.05.1997: Staatsanwaltschaft prüft Anklage wegen Mordes. Mißhandelter Vietnamese gestorben
[4] Die Zeit, 20.03.2013: 152 Schicksale
[5] taz Nr. 5148, 07.02.1997: Aus Haß in den Rollstuhl geprügelt
[6] Die Zeit, 20.03.2013: 152 Schicksale
[7] ebd.
[8] Website der „Gedenkinitiative Phan Văn Toản

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