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Angriffsdatum: 1. Dezember 1991

GERD HIMMSTÄDT

Gerd Himmstädt wird im Jahr 1961 geboren. Mehr ist uns über ihn leider nicht bekannt.

DER ORT

Hohenselchow ist ein kleines Dorf in der Uckermark, nördlich von Schwedt, nur wenige Kilometer von der Oder entfernt. Die ländliche Region im nordöstlichen Brandenburg ist Anfang der 1990er Jahre von starker Abwanderung geprägt, weil es für die Menschen mit der Wende keine Arbeit mehr gibt.

In den Kleinstädten und Dörfern bilden sich in dieser Zeit viele lose rechte Cliquen, die ihren Machtanspruch gegenüber allen,  die sie aufgrund ihres rechten Menschenbildes abwerten, mit Aggression und Gewalt durchsetzen. Zu den von dieser Gewalt Betroffenen zählen insbesondere Menschen, die sich der rechten Dominanz nicht anpassen, die aufgrund ihres sozialen Status herabgesetzt werden, die nicht weiß sind und/oder eine Migrationsgeschichte haben. 1989 kommt es zum Beispiel zu einem Angriff auf polnische Jugendliche im Nachbarort Gartz (Oder). Daran ist mindestens einer der Täter beteiligt, die für Gerd Himmstädts Tod verantwortlich sind. [1] Zu Weihnachten 1990 gibt es einen rassistischen Überfall auf die Wohnungblocks von vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen  in Schwedt/Oder. [2]

Der Staat schaut weg. Insbesondere im nahe gelegenen Schwedt/Oder ist die organisierte extreme Rechte sehr aktiv. [3] Sie agiert dort weitgehend unbehelligt von staatlichen Behörden, Sozialarbeit und Politik, die die rechten Umtriebe und die Gewalt verharmlosen und als Jugendgewalt entpolitisieren. Es kommt zu einer Vielzahl an rechtsmotivierten Drohungen und Angriffen. So prügelt etwa im September 1991 eine große Gruppe rechtsorientierter Jugendlicher Wolfgang Auch in Schwedt/Oder zu Tode.  Zwei Jahre später wird Schwedt  aufgrund der dortigen massiven rechten Gewalt als „Brown-Town“ Schlagzeilen machen.

DIE TAT

In der Nacht auf den 1. Dezember 1991 verletzt eine Gruppe rechter Männer Gerd Himmstädt durch massive Tritte und Schläge – u.a. mit Baseballschägern – so stark, dass er am 3. Dezember 1991 an den Folgen stirbt.

Gerd  Himmstädt verbringt mit seinem Bruder den Abend des 30. November 1991 in der Gaststätte und Diskothek „Zur Kastanie“ in Hohenselchow. Als sie das Lokal gegen 22:30 Uhr verlassen, folgen ihnen mehrere junge Männer, die fest in der rechten Szene der Uckermark verankert sind. Sie verdächtigen Gerd Himmstädt seit längerem, einen Geldautomaten aus der Gaststätte gestohlen und aufgebrochen zu haben. Es ist unklar, ob diese Beschuldigung zutrifft, sie stellt nach Aussage der Täter jedoch den Anlass für die Verfolgung dar. Aus Verbundenheit mit dem Wirt habe er Gerd Himmstädt „einen Denkzettel verpassen“ wollen, so einer der Täter im späteren Verfahren. [4] Gerd Himmstädt versucht zu fliehen, doch die Gruppe holt ihn ein. Die mit einem Totschläger und einem Baseballschläger bewaffneten Skinheads schlagen und treten auf ihn ein.

Anschließend begeben sie sich zunächst zurück in die Gaststätte, ziehen jedoch später erneut los, um Gerd Himmstädt noch einmal zu überfallen. Denn in der Zwischenzeit hat ihnen eine Jugendliche erzählt, dass Gerd Himmstädt im Sommer am See versucht habe, sie zu vergewaltigen. Dies nehmen sie erbost zum Anlass für ihren zweiten Angriff auf Gerd Himmstädt. [5]

Bei dem zweiten Überfall ist u.a. S. B. dabei, auf dessen Hand das Wort „Hass“ mit zwei SS-Runen tätowiert ist. 1990 ist er bereits an dem tödlichen Überfall auf Amadeu Antonio in Eberswalde beteiligt gewesen. [6] Die diesbezügliche Gerichtsverhandlung steht im November 1991 noch aus. S. B. schlägt mit einem Baseballschläger brutal auf Herrn Himmstädt ein. Ein Schlag trifft ihn am Hals, woraufhin er zu Boden fällt. In Folge des Sturzes erleidet er einen Schädelbasis- und einen Schädeldachbruch. Der Täter schlägt erneut zu. An diesem Punkt versuchen mehrere Mittäter, ihn von weiterer Gewalt abzuhalten, doch er droht damit, sie ebenfalls zu schlagen, und springt noch mit beiden Füßen auf den Kopf des bereits regungslosen Herrn Himmstädt. [7]

Am 3. Dezember 1991 stirbt Gerd Himmstädt infolge der erlittenen massiven Gewalt an einer Hirnblutung. [8]

DAS VERFAHREN

Nach der Tat gibt der damalige Schwedter Rechtsdezernent an, er werde „als erstes heute oder morgen erst einmal in die Szene gehen und mich auch von dieser Seite informieren, was in Hohenselchow wirklich vorgefallen ist, nun kann es ja nicht sein, dass alle Glatzköpfe für Totschläger gehalten werden“. [9]

Im Oktober 1992 wird am Bezirksgericht Frankfurt (Oder) das Urteil gesprochen. Der Haupttäter S. B. erhält wegen Nötigung, Totschlag und Körperverletzung eine Jugendstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. In das Urteil einbezogen werden weitere Strafen – wegen seiner Beteiligung am Überfall auf Amadeu Antonio 1990 und wegen Körperverletzung an polnischen Jugendlichen 1989. In der Bewertung des Verhaltens des Haupttäters stellt das Gericht trotz der nachgewiesenen exzessiven Gewalt keine beziehungsweise nur eine bedingte Tötungsabsicht fest. Aufgrund des erhöhten Alkoholkonsums geht das Gericht davon aus, dass seine „Einsichts- und Steuerungsfähigkeit […] erheblich vermindert“ gewesen sei. [10]

Sechs weitere Täter erhalten wegen gefährlicher Körperverletzung Einheitsjugendstrafen beziehungsweise Jugendstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Ein Täter erhält wegen gefährlicher Körperverletzung eine Bewährungsstrafe nach Erwachsenenstrafrecht. [11]

Obwohl die Anklageschrift deutlich darauf hinweist, wird die Verbindung der Täter in die rechte Szene im Urteil überhaupt nicht berücksichtigt. [12] Stattdessen wertet das Gericht die besonderen „politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse“ insbesondere für Jugendliche in der ehemaligen DDR kurz nach der Wende als strafmildernd. Es erklärt das Ausmaß ihrer Gewalttätigkeit mit allgemeiner „Orientierungslosigkeit“ und dem „Umbruch der Werte nach der Wende“ statt mit ihrer rechten Ideologie. So heißt es im Urteil: „Zwar waren alle Angeklagten bis auf die Angeklagten B.. und S.. im Gegensatz zu manch anderen nicht ohne Perspektive, Arbeit und soziale Bindungen. Andererseits sind die jungen Menschen in den neuen Bundesländern zu der ohnehin bei Jugendlichen zu beobachtenden allgemeinen Orientierungslosigkeit durch den Umbruch der Werte nach der Wende in besonderem Maße betroffen. Nicht umsonst ist bei diesen Jugendlichen in den neuen Bundesländern die Gewaltbereitschaft besonders hoch und hat auch mit Anlaß zu dieser Tat gegeben.“ [13]

DAS GEDENKEN

Ein öffentliches Gedenken an Herrn Himmstädt hat bislang nicht stattgefunden.


[1] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 41
[2] Burkhard Schröder: Im Griff der rechten Szene. rororo, 1997, S. 66-67
[3] Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 57-65
[4] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 40
[5] Ebd., S. 41
[6] Christoph Dieckmann, „…die ganzen N**** in der Stadt“, in: ZEIT v. 10.7.1992
[7] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 41-42
[8] ZEIT online: 156 Schicksale. Dokumentation rechter Gewalttaten mit Todesfolge.  https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/todesopfer-rechte-gewalt/seite-3
[9] Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv(Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, (Nr. 1), Berlin 1994, S. 65
[10] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 73
[11] Ebd., S. 42
[12] Ebd., S. 43
[13] Ebd.

weitere infos

weiterführende Informationen

Webdokumentation: Gegen uns

Baseballschlägerjahre in der Uckermark

In der Dokumentation sprechen damalige alternative Jugendliche und Geflüchtete über ihre Erfahrungen mit rechten Übergriffen in der Uckermark. Die massive, alltägliche Bedrohung durch Rechte richtet sich gegen alle, die nicht in ihr Weltbild passen. So werden alternative Jugendliche, wie Punks, Linke, aber auch Metaller und Gruftis, Migrant_innen und Geflüchtete sowie Wohnungslose zur Zielscheibe der Attacken.

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