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Angriffsdatum: 16. September 1991 | Todesdatum: 22. September 1991

WOLFGANG AUCH

anfuehrung

Du bist mein großer Bruder, mir nah und doch so fern, so stark und .....
nun bist du einfach nicht mehr da.
Heute nun - 30 Jahre später - du warst mein großer Bruder, mir so fern und doch sehr nah,
so oft und doch nicht wirklich da.
Die Tat ist allgegenwärtig - weil die Täter sind noch da - in voller Stärke - und doch so schwach.
Obwohl es so lange her - du fehlst mir - deiner kleinen Schwester .....

Schwester von Wolfgang Auch

Wolfgang Auch wird 1963 geboren. Er wächst mit zwei jüngeren Schwestern auf. In seiner Jugend macht er gern Sport und verbringt viel Zeit mit Freund_innen. Rangeleien geht er konsequent aus dem Weg. Nach der Schule erlernt er den Beruf des Installateurs. Zu diesem Zeitpunkt zeigen sich erste Anzeichen seiner erst viele Jahre später diagnostizierten psychischen Erkrankung. Seine Außenwelt nimmt ihn zunehmend als unkonzentriert, unruhig, ängstlich und angespannt wahr. Er hört Stimmen, die kein anderer Mensch zu hören vermag. Im Zusammenhang mit seiner psychischen Erkrankung ziehen sich Familienangehörige und Freund_innen nach und nach vor ihm zurück. Er hat mit Antriebslosigkeit zu kämpfen und trinkt viel Alkohol. Als die Erkrankung diagnostiziert wird und er eine Therapie beginnen kann, erlebt er das als Erleichterung. Zum Tatzeitpunkt ist dies noch nicht lange her.

DER ORT

Schwedt/Oder ist Anfang der 1990er Jahre eine Hochburg der extremen Rechten. Die Nationalistische Front (NF) ist hier sehr aktiv. Die organisierte rechte Szene besteht aus mehreren Hundert Personen. [1] Rechts motivierte Übergriffe auf die Rap-, Rave- und linke Szene und andere vulnerabe Gruppen sind in der uckermärkischen Stadt alltäglich. Es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Wer sich der rechten Hegemonie nicht anpasst oder nicht dazugehört, wird bedroht, gejagt, verprügelt. Treffpunkte von alternativen und linken Jugendlichen werden wiederholt zur Zielscheibe von rechten Angriffen. Die Jugendclubs der Stadt sind mehrheitlich von Neonazis und rechten Jugendlichen okkupiert. Die wenigen Clubs, die sich dem Druck nicht beugen wollen, werden angegriffen.

Politik und Behörden negieren die alltägliche Bedrohungslage und verharmlosen die Taten. Auch weite Teile der Bevölkerung schauen weg. Über Jahre sehen die städtischen Behörden die rechte Szene in Schwedt/Oder als Gesprächspartner statt als Problem. So erhält die rechte Szene beispielsweise nach Verhandlungen mit der Stadt einen eigenen Jugendclub mit dem Namen „Hit-Keller“ – erst nach öffentlichen Protesten wird der Club wieder geschlossen. [2] Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit dem gewaltsamen, durch Neonazis verursachten Tod von Gerd Himmstädt: Nach der Tat gibt es erst einmal ein Gesprächsangebot an die lokale rechte Szene anstelle der nötigen Konsequenzen.

DIE TAT

Wolfgang Auch wird am 16. September 1991 von einer Gruppe Jugendlicher auf dem Spiel- und Tobeplatz des Wohnkomplexes VI in Schwedt/Oder angegriffen.

Bei dem Spielplatz handelt es sich – so die Aussage eines der Täter in der späteren Vernehmung – um einen zentralen Treffpunkt der jungen rechten Szene von Schwedt. [3] Der Großteil der Tatbeteiligten sieht sich als Teil der rechten Clique. Gegen 18 Uhr sind mehr als zwei Dutzend überwiegend rechter Jugendlicher auf dem Platz versammelt.

Wolfgang Auch nähert sich dem Platz aus Richtung der nahegelegenen Gaststätte „Bangla“. Er ist stark alkoholisiert. Die Jugendlichen halten ihn – späteren Aussagen zufolge – für „nicht mehr ganz richtig im Kopf“ und seine Bewegungen für „nicht normal“. Sie sprechen ihn an, er setzt sich zu ihnen auf die Mauer einer Blumenrabatte. Aus Perspektive der Jugendlichen redet er „zusammenhanglose Sätze“. [4] Sie bilden einen Halbkreis um ihn.

Dann wird er aus der Gruppe heraus geschubst, sodass er rücklings in die Blumen fällt. Es kommt zu einem kurzen verbalen Schlagabtausch. Herr Auch versucht, aus dem Halbkreis herauszutreten und rempelt dabei zwei der Jugendlichen versehentlich an. Daraufhin schlagen mehrere von ihnen Herrn Auch ins Gesicht, treten ihm in den Bauch- und Brustbereich. Er versucht zu fliehen, fällt jedoch nur wenige Meter weiter zu Boden. Die Jugendlichen treten weiter auf ihn ein, auch gegen seinen Kopf, zwei der Täter urinieren auf ihn.

Schließlich holen die Jugendlichen einen alten Sessel aus dem Gebüsch und fordern den blutenden Wolfgang Auch auf, sich darauf zu setzen. Sie führen ein „Verhör“ mit ihm durch – zwingen ihn, zu sagen, wie er Hitler und Honecker finde. Auf seine Antwort, er finde Hitler beschissen und Honecker gut, folgt ein Schlag mit einem Stock, sodass Herr Auch danach die geforderte Antwort gibt – Hitler sei gut und Honecker schlecht. Es kommt zu einer weiteren Eskalation der bereits massiven Gewalt: Einer der Angreifenden hält Wolfgang Auch eine Gaspistole an die Schläfe und schlägt anschließend mit deren Kolben auf seinen Hinterkopf. Weitere Täter treten ihn, springen auf seinen Körper, bringen ihn erneut zu Boden. Lediglich der schwergewichtige R. B. wird von anderen Jugendlichen davon abgehalten, noch mehr Gewalt auszuüben.

Nachdem Herr Auch regungslos und aus Mund und Nase blutend am Boden liegen geblieben ist, entfernen sich die meisten Jugendlichen. Nur zwei bleiben am Tatort. Sie verständigen einen Krankenwagen. Der eine bleibt nach Aussage eines Zeugen nur vor Ort, damit er später sagen könne, „er habe sich noch um den Mann gekümmert“. [5] Nach Absetzen des Notrufs verstecken sich die beiden Täter in einem nahegelegenen Busch und beobachten die Rettungskräfte, die gegen 21:30 Uhr eintreffen und Wolfgang Auch ins Krankenhaus bringen.

Herr Auch verstirbt eine Woche später am 22. September 1991 in Folge von Hirnverletzungen. Die konkrete Todesursache ist ein schwerer Tritt mit Stahlkappen-Schuhen eines gerade einmal 13-Jährigen gegen Herrn Auchs Kopf relativ zu Beginn des Gewaltexzesses, so das spätere Gerichtsurteil. [6]

DAS VERFAHREN

Erst im März 1993 verurteilt das Bezirksgericht Frankfurt (Oder) sieben der Täter zu Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten und zwei Jahren.

Der Haupttäter ist aufgrund seines Alters nicht strafmündig. Die höchste verhängte Strafe sind zwei Jahre auf Bewährung. Nur einer der Täter stand unter leichtem Alkoholeinfluss, was laut Gericht allerdings keine Verminderung der Einsichtsfähigkeit bedeutet.

Weder das Gericht noch die Staatsanwaltschaft gehen von einer rechten Tat aus. Laut Staatsanwalt sei eine politische Motivation erst nach dem tödlichen Tritt  und im Zusammenhang mit dem „Verhör“ hinzugekommen. Vor Gericht spielen rechte bzw. sozialdarwinistische Bezüge keine Rolle, trotz einer Stellungnahme der Jugendgerichtshilfen und psychologischer Gutachten, welche die Täter klar in der rechten Szene verorten. [7]

DAS GEDENKEN

Ein öffentliches Gedenken an Herrn Auch hat bisher nicht stattgefunden.


[1] Vgl. Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 57-65
[2] ebd.
[3] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 38
[4] ebd., S. 31
[5] ebd., S. 36
[6] ebd., S. 32
[7] ebd., S. 34-37

weitere infos

weiterführende Informationen

Webdokumentation: Gegen uns

Baseballschlägerjahre in der Uckermark

In der Dokumentation sprechen damalige alternative Jugendliche und Geflüchtete über ihre Erfahrungen mit rechten Übergriffen in der Uckermark. Die massive, alltägliche Bedrohung durch Rechte richtet sich gegen alle, die nicht in ihr Weltbild passen. So werden alternative Jugendliche, wie Punks, Linke, aber auch Metaller und Gruftis, Migrant_innen und Geflüchtete sowie Wohnungslose zur Zielscheibe der Attacken.

Webseite

Buchtipp: Im Griff der rechten Szene

Burkhard Schröder

Kleine Städte werden im Osten Anfang der 1990er Jahre zu Hochburgen der rechten Szene. In seiner Reportage „Keine besondere Gewalt“ beschreibt Schröder sehr genau und detailreich die Situation im uckermärkischen Schwedt, die Todesangst der Angegriffenen und die Ignoranz der Verantwortlichen.

Rowohlt Verlag, 1997 (nur noch antiquarisch erhältlich)

 

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