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Angriffsdatum: 25. November 1990 | Todesdatum: 6. Dezember 1990

AMADEU ANTONIO

anfuehrung

"Amadeu Antonio war ein Freund für mich, ein netter, ruhiger und hilfsbereiter Mensch, sein Lachen, Kraft und seine Impulse fehlen. Ich werde ihn nicht vergessen."

Augusto Jone Munjunga

Amadeu Antonio kommt am 3. August 1987 gemeinsam mit weiteren angolanischen Vertragsarbeiter_innen in die DDR. Er möchte Flugzeugtechnik studieren, wird aber zum Fleischer ausgebildet und arbeitet im Schlacht- und Verarbeitungskombinat in Eberswalde. Dort möchte er sich eine langfristige Perspektive aufbauen, eine Familie gründen. Mit der Wende ändert sich die Situation für ihn und die anderen Vertragsarbeiter_innen schlagartig. Durch die Annullierung der Verträge mit den Herkunftsländern ist ihr Aufenthaltsstatus unklar, viele verlieren ihren Arbeitsplatz und müssen zurück. Amadeu Antonio, der zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt ist, bekommt nur deshalb eine Aufenthaltsgenehmigung, weil er und seine Freundin aus Eberswalde ein Kind erwarten. Doch sein Alltag ist zunehmend von ständiger rassistischer Bedrohung geprägt.[1]

 

DER ORT

Dies ist Ausdruck eines rassistischen Gesamtklimas, das sich in Eberswalde, im nordöstlichen Brandenburg, in der Wendezeit immer mehr zuspitzt. Betroffen davon sind u.a. die Vertragsarbeiter_innen aus Vietnam, Mosambik, Angola und Algerien, die schon zu DDR-Zeiten in Eberswalde gelebt haben – auf Anweisung der Verwaltung in Wohnheimen, isoliert von der restlichen Bevölkerung. Zwar haben sie auch schon in der DDR Rassismus erlebt, doch erst nach dem Mauerfall ändert sich die Stimmung so radikal, dass sie zum Beispiel nur noch zu viert oder fünft einkaufen gehen können und nur noch in wenige Diskotheken hineinkommen.

Die Stadt mit ihren Plattenbaugebieten unterscheidet sich in der Wendezeit nicht wesentlich von anderen Orten im Bundesland – beginnende Massenarbeitslosigkeit, schließende Jugendclubs, Rassismus, weit verbreiteter Pessimismus. Die Quartiere sind oft Ausgangspunkt für brutalste Gewalttaten. Nach der Maueröffnung sind schnell westdeutsche Neonazis mit ihrer Propaganda vor Ort, um Sympathisant_innen zu rekrutieren. Die Stadt wird zur rechten Hochburg. Rechte Schläger und ihre Unterstützer_innen sind überall – in der Schule, beim Sport, an der Bushaltestelle. Gern treffen sie sich im Jugendclub „Domizil“. Alle, die nicht dazugehören wollen, laufen Gefahr, verprügelt zu werden. Für Vertragsarbeiter_innen und ihre Familien, für Punks, Linke und viele andere wird die Stadt spätestens, wenn es dunkel wird, zum gefährlichen Ort, zu einer no go area.

In dem Monat, in dem Amadeu Antonio getötet wird, gründet sich der lokale „Deutsch Nationale Völkische Bund“. Am Weihnachtsabend desselben Jahres versammelt sich ein aggressiver rechter Mob von ca. 70 Neonazi-Skinheads vor dem Vertragsarbeiter_innen-Wohnheim in der Leninstraße. Sie attackieren das Heim. Wegen der drohenden Übergriffe räumt die Polizei kurzerhand die Unterkunft. [2] Es folgen unzählige weitere rechte und rassistische Angriffe auf viele verschiedene Menschen.

DIE TAT

Den Abend des 24. November 1990 verbringt Amadeu Antonio mit Freund_innen aus Angola und Mosambik im „Hüttengasthaus“. Zu dieser Zeit ist dies die einzige Gaststätte, in der Nichtdeutsche noch willkommen sind. Im Lauf des Abends informiert die Polizei den Wirt per Telefon, dass eine größere Gruppe Jugendlicher in Anmarsch sei, die Stress machen wolle. Sie empfiehlt ihm, das Lokal zu schließen. Der Wirt bricht daraufhin die Veranstaltung ab und fordert seine Gäste auf, nach Hause zu gehen. [3]

Als Amadeu Antonio mit seinen Freund_innen das Lokal verlässt, laufen sie der rund 50-köpfigen Gruppe in die Arme. Zu der mit Baseballschlägern und Zaunlatten bewaffneten Meute gehören sowohl Skinheads aus Eberswalde und Umgebung als auch ‚ganz normale‘ Jugendliche. Ausgehend von der Heavy-Metal-Diskothek „Rockbahnhof“ sind sie bereits seit längerer Zeit durch die Stadt gezogen und haben u.a. einen türkischen Imbisswagen aufgebrochen. Im späteren Gerichtsverfahren geben sie zu Protokoll, ihr Ziel sei es gewesen, Schwarze Menschen, die sie abwertend mit dem rassistischen N-Wort bezeichnen, zusammenzuschlagen. Während die Meute durch die Straßen zieht, skandiert sie rechte Parolen wie „Deutschland den Deutschen“. Als die Gruppe Amadeu Antonio und seine Freund_innen erblickt, fällt sofort eine rassistische Beleidigung – und der Mob beginnt, eine regelrechte Hetzjagd auf die aus dem „Hüttengasthaus“ kommende Gruppe zu veranstalten.

Die Angegriffenen rennen um ihr Leben und versuchen in unterschiedliche Richtungen zu entkommen. Zwei Männer aus Mosambik werden mit Messern schwer verletzt, können dann aber fliehen. Amadeu Antonio selbst schafft es nicht. [4] Rund zehn Leute umringen ihn und schlagen auf ihn ein, reichen einander den Baseballschläger weiter. Als Amadeu Antonio bereits am Boden liegt, springt einer der Angreifer mit beiden Füßen auf seinen Kopf.

Drei Zivilfahnder beobachten das Geschehen aus der Nähe, trauen sich nach eigenen Angaben jedoch nicht, einzugreifen. 20 voll ausgerüstete Polizisten befinden sich ebenfalls in der Nähe, schreiten jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt ein.

Amadeu Antonio erleidet schwerste Kopfverletzungen. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, stirbt er am 6. Dezember 1990 an toxischem Multiorganversagen und Hirngewebeblutungen. Am 9. Januar 1991 wird sein Leichnam nach Angola überführt – zwei Stunden nach der Geburt seines Sohnes.

DAS VERFAHREN

Es dauert eineinhalb Jahre, bis die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind. Nur sechs der Täter werden im Januar 1992 von der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) angeklagt. Sie sind zwischen 17 und 20 Jahre alt. Gegen 20 weitere Personen wird ermittelt, weitere Anklagen werden jedoch nicht erhoben.

Vor dem Bezirksgericht Frankfurt (Oder) müssen sich anfangs fünf Angeklagte verantworten. Ein weiterer Hauptverdächtige entzieht sich der Strafverfolgung zunächst durch Flucht. Beide sind im Umfeld der neonazistischen Partei „Nationalistische Front“ (NF) aktiv. Erst kurz vor Ende des Prozesses wird Kai. B. in Stuttgart verhaftet.

Der Prozess dauert zwei Monate. Die Gerichtsverhandlung wird von einer großen Gruppe rechter Zuschauenden verfolgt, die offen mit den Angeklagten sympathisiert. Im Gerichtssaal befinden sich aber auch Unterstützende der Nebenklage aus antirassistischen Gruppen und Freund_innen von Amadeu Antonio aus der Schwarzen Community Eberswaldes. Einige Vertreter_innen der Stadt zeigen wenig Distanz zu den Angeklagten und bringen viel Verständnis für „ihre Jungs“ auf der Anklagebank auf. [5]

Obwohl im Gerichtsverfahren nachgewiesen wird, dass die Gruppe rassistische Parolen rief und das erklärte Ziel verfolgte, Schwarze Menschen zusammenzuschlagen, wertet der aus dem Rheinland stammende Richter den tödlichen Überfall als „jugendtypische Verfehlung“ und „Ritual mit Gruppendynamik“. Im gesamten Prozessverlauf wird der rassistische Hintergrund der Tat systematisch ausgeblendet. Alle Nachfragen des Nebenklagevertreters würgt der Richter ab. Eine der Verteidiger_innen meint lapidar, mit diesen Nachfragen stehle er allen nur die Zeit, es höre eh kaum jemand zu. [6]

Amadeu Antonio im KorbsesselDie Strafen, die das Gericht verhängt, fallen entsprechend niedrig aus. Das Gericht sieht es zwar als erwiesen an, dass M. J., S. H. und G. K. an den tödlichen Schlägen und Tritten beteiligt waren, verurteilt sie aber lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu jeweils vier Jahren Jugendstrafe. R. J. gibt zu, Amadeu Antonio geschlagen zu haben, er habe sich dann jedoch von ihm abgewandt. Das Gericht glaubt seinen Ausführungen und verurteilt ihn zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung. Der Hauptverdächtige S. B. kann den Richter überzeugen, nicht an den tödlichen Schlägen beteiligt gewesen zu sein. Er gibt jedoch zu, einen der anderen Betroffenen mit einem Messer schwer verletzt zu haben. Dafür erhält er eine dreieinhalbjährige Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung sowie Beleidigung und Nötigung. Das Verfahren gegen K. B. wird abgetrennt. Im Mai 1993 erhält er eine Jugendstrafe von viereinhalb Jahren.

Auch gegen die drei Zivilpolizisten, die Tatzeugen waren und nicht eingriffen, wird zunächst ermittelt. 1994 werden diese Ermittlungen jedoch eingestellt. Das zuständige Oberlandesgericht in Brandenburg an der Havel befindet, dass die Beamten die Tat zwar beobachtet, sich aber nicht in unmittelbarer Nähe des Tatorts befunden hätten.

DAS GEDENKEN

In Erinnerung an Amadeu Antonio wird 1991 eine Gedenktafel am Tatort enthüllt. Engagierte Menschen in Eberswalde, insbesondere aus der dortigen Schwarzen Community, setzen sich über viele Jahre für ein würdiges Gedenken an Amadeu Antonio ein. Sie fordern u.a. die Umbenennung einer Straße nach ihm, was jedoch bis heute nicht umgesetzt worden ist.

2014 weiht die Stadt Eberswalde das „Bürgerbildungszentrum Amadeu Antonio“ ein.

Zu größerer überregionaler Sichtbarkeit trägt maßgeblich auch die 1998 gegründete Amadeu Antonio Stiftung bei.

Seit Amadeu Antonios 16. Todestag hält die Gedenkkampagne „Light me Amadeu“ die Erinnerung wach. Sie tritt nicht zuletzt für eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus ein.


[1] Amadeu Antonio Stiftung: Das Leben des Amadeu Antonio.
[2] Botsch, Gideon: Vor Hoyerswerda. Zur Formierung des Neonazismus in Brandenburg. Generation Hoyerswerder, S. 57
[3] Zeit online, 10.07.1992: Eberswalde bei Berlin sucht und deckt die Mörder des Angolaners Amadeu Antonio „…die ganzen N**** in der Stadt“.
[4] Amadeu Antonio Stiftung: „Pogromstimmung“ in Eberswalde.
[5] Amadeu Antonio Stiftung: „Rechtsextreme Taten werden als solche nicht anerkannt“
[6] Zeit online, 10.07.1992: Eberswalde bei Berlin sucht und deckt die Mörder des Angolaners Amadeu Antonio„…die ganzen N**** in der Stadt“.

weitere infos

weiterführende Informationen

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Unbequeme Erinnerung - Eberswalde und das Nazi-Opfer

Reportage im NDR 10 Jahre nach dem Tod von Amadeu Antonio

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Eberswalde und der Mord an Amadeu Antonio Kiowa

Dokumentation im Spiegel TV Magazin (Erstausstrahlung: 2012)

Rechtsextreme Taten werden als solche nicht anerkannt

Interview mit dem Rechtsanwalt Ronald Reimann zur Gerichtsverhandlung, die Rolle der Justiz und der Öffentlichkeit. Reimann vertrat im Prozess die Familie von Amadeu Antonio.

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