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Angriffsdatum: 7. Oktober 1990 | Todesdatum: 8. Oktober 1990

ANDRZEJ FRĄTCZAK

anfuehrung

"Wir waren damals Kinder von 10 und 11 Jahren. Der Vater war unsere große Liebe und wir die seine.
Wir erinnern uns, wie es war, als Papa von seinen Arbeitseinsätzen in Deutschland zurückgekommen war: Es war abends und wir waren trotzdem auf und schauten aus dem Fenster, bis wir seine Gestalt erblickten. Er war wieder da, nahm uns in die Arme, hob uns hoch und hatte die Tasche voll mit deutscher Schokolade...
Später, es ist Oktober. - Mamas Schrei: Papa ist tot! Die Verzweiflung beherrscht die ganze Familie, den Freundeskreis...
Die Beerdigung - 150 - 200 Menschen... Was bleibt sind Schmerz, Verzweiflung und ein paar abgegriffene Fotos..."

Kinder von Andrzej Frątczak

Andrzej Frątczak  wird am 28. November 1953 im polnischen Zduńska Wola geboren. Wie viele seiner Landsleute arbeitet er ab Ende der 1970er Jahre in der DDR, u.a. im Kraftwerk Jänschwalde. Der zweifache Familienvater will mit seiner Frau ein Haus bauen, deshalb nimmt er das Pendeln zwischen Polen und Vetschau auf sich. 1990 ist Andrzej Frątczak als LKW-Fahrer im Braunkohlekraftwerk Vetschau beschäftigt. Vermutlich wohnt er – wie die meisten polnischen Arbeiter_innen – in einer Wohnunterkunft in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz).  

DER ORT

Anfang der 1990er Jahre sind organisierte Neonazis in der Lausitz sehr präsent. So ist u.a. die extrem rechte Partei „Deutsche Alternative“ (DA) in der Region aktiv. Regelmäßig gehen brutale Angriffe von der rechten Szene aus. So wird etwa die Geflüchtetenunterkunft neben Andrzej Frątczaks wahrscheinlichem Wohnhaus im Juli 1992 von drei Frauen mit einem Molotowcocktail beworfen [1] und im September 1992 von bis zu 80 Rechten angegriffen. Teil des gewalttätigen Mobs im September 1992 sind auch zwei Täter des Angriffes auf Herrn Frątczak.

Die Gaststätte und Diskothek „Turbine“, in der der Angriff stattfindet, ist ein beliebter Treffpunkt der rechten Szene. Im November 1992 dient sie den Neonazis Christian Worch aus Hamburg (Mitbegründer der extrem rechten Partei „Nationale Liste“) und Frank Hübner aus Cottbus (Bundesvorsitzender der DA) als Ersatzort für eine verbotene Demonstration. An der Saalveranstaltung nehmen 250 Personen teil. [2]

DIE TAT

Nachdem rechte Skinheads nachts in der Gaststätte „Turbine“ mehrere polnische Braunkohlearbeiter verprügelt haben, wird Andrzej Frątczak am Morgen des 8. Oktober 1990 erstochen aufgefunden.

In der „Turbine“ findet am Abend des 7. Oktober 1990 eine Disko statt. Zu den 70-80 Besucher_innen gehören viele Pol_innen aus dem nahe gelegenen Wohnheim, aber auch viele Personen aus der örtlichen rechten Szene. Gegen Ende der Veranstaltung suchen mindestens drei Skinheads Streit mit einigen polnischen Arbeitern, die sich auf der Terrasse der Gaststätte aufhalten. Sie beschimpfen die Männer rassistisch, rempeln sie  an. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung und Schubserei. Ein anderer Pole kommt den Angegriffenen zu Hilfe und besprüht die Skinheads mit Pfefferspray.

Nachdem sich diese die Augen ausgespült haben, erscheinen sie erneut auf der Terrasse. Mit dabei ist u.a. R. W., der an diesem Abend ein Adolf-Hitler-T-Shirt trägt. Er tritt einen der polnischen Arbeiter vor die Brust und schlägt ihm ins Gesicht. Der Pole sei „auf ihn zugekommen und habe dabei ein Messer in der Hand gehabt, jedoch ohne Anstalten eines Ausholens oder Zustechens mit dem Messer zu machen“, so die spätere Aussage des Täters. [3]

Zwei andere Täter attackieren einen weiteren Polen. Sie schlagen ihn – u.a. mit einem Ast – und treten ihm mehrmals mit voller Wucht auf den Oberkörper. Der Angegriffene erleidet Rippenprellungen und Blutergüsse an den Augen.

Im späteren Gerichtsverfahren berichtet der Wirt der „Turbine“ davon, wie er später auf die Terrasse gekommen sei und dort neben R. W. einen Mann auf dem Boden liegen gesehen habe. Über den weiteren Verlauf sagt er aus: „Ich fragte den daneben stehenden W., wer dieser Mann sei und er brüstete sich damit, daß es ein Pole ist, den er zusammengeschlagen hat. Sinngemäß äußerte er weiter, daß der Pole ein bißchen ausbluten muß.“ [4] Nach Aufforderung des Wirts habe der Täter dem Mann dann „in demonstrativ überheblicher Art“ auf die Beine geholfen und dieser sei in Richtung Kiosk weggetorkelt. [5]

Am nächsten Morgen wird Andrzej Frątczak auf einer Wiese neben der der Gaststätte tot aufgefunden. Er ist offensichtlich erstochen worden. In seiner Hand befindet sich eine Reizgasdose.

DAS VERFAHREN

Polizei und Staatsanwaltschaft können nicht ermitteln, welcher der drei Schläger für die tödliche Verletzung Andrzej Frątczaks verantwortlich ist und woher das Messer stammte.

Das Bezirksgericht Cottbus verurteilt drei der Angreifer im März 1993 wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Jugendstrafen zwischen acht Monaten und drei Jahren und neun Monaten. In das Strafmaß einbezogen werden weitere Taten, darunter im Falle von R. W. und F. I. auch die Anstiftung und Beteiligung an dem oben genannten rassistischen Angriff auf die Geflüchtetenunterkunft in Lübbenau im September 1992. Bei diesen beiden Tätern nimmt das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund von Alkoholeinfluss an. In einem Revisionsverfahren wird das Strafmaß gegen R.W. auf drei Jahre gesenkt. [6]

Das Gericht prüft weder ein rassistisches Motiv der Tat, noch spielt die rechte Gesinnung der Täter eine Rolle. Dabei gibt es in den polizeilichen Vernehmungsprotokollen zahlreiche Aussagen der Täter, die deren polenfeindliche Haltung und damit verbundene hohe Gewaltbereitschaft belegen. So spricht einer von ihnen etwa davon, wie er einem Menschen, den er als „Polenschwein“ beleidigt, „die Nase aus dem Gesicht reißen“ wolle. Den Vernehmungsprotokollen zufolge äußert einer der Täter in Bezug auf einen Polen auch den Satz: „Das Schwein stech‘ ich ab.“ [7] Der Wirt der „Turbine“ berichtet zudem, R. W. habe am Tag nach der Tat den Eindruck erweckt, mit der Gewalt Andrzej Frątczak, seine Frau und Kinder, privat Familieprahlen zu wollen, und u.a. geäußert, die polnischen Diskobesucher wären „so oder so an diesem Abend verprügelt worden.“ [8] Diese Tathintergründe finden im Gerichtsurteil jedoch keine Berücksichtigung.

DAS GEDENKEN

Andrzej Frątczak ist das erste Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland nach der „Wiedervereinigung“. Ein öffentliches Gedenken an ihn hat bisher nicht stattgefunden.

An seinem 30. Todestag erinnern Schüler_innen des Paul-Fahlisch-Gymnasiums an ihn. Im Projekt „SOS Lübbenaubrücke“ beschäftigen sie sich seit längerem mit einem Gedenken an Andrzej Frątczak, damit sein Schicksal in Lübbenau nicht in Vergessenheit gerät. [9]


[1] Jens Blankennagel, „Gelungene Resozialisierung“, in: Berliner Zeitung v. 15.09.2003
[2] Vgl den Artikel Frankfurt/Oder. Eine ungewöhnliche Universitätsstadt, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 50-53, S. 51
[3] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 25
[4] Ebd., S. 26
[5] Ebd.
[6] Ebd., S. 24-28
[7] Ebd., S. 26
[8] Ebd., S. 27
[9] Julia Siebrecht, Jugendliche erinnern an Lübbenauer Todesopfer rechter Gewalt, in: Lausitzer Rundschau v. 28.09.2020

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