Opferperspektive Brandenburg

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Augustin Blotzki

08. Mai 1997

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Über Augustin Blotzki ist uns leider kaum etwas bekannt. Zum Zeitpunkt seines Todes ist der alkoholkranke Mann 59 Jahre alt und lebt in Königs Wusterhausen. Zuletzt ist er ohne Arbeit.

DIE TAT

Am 8. Mai 1997 überfallen vier Männer und eine Frau ihn in seiner Wohnung und ermorden ihn. Die Gruppe sitzt am frühen Morgen des „Herrentags“ in einer Wohnung schräg gegenüber, hört rechte Musik und redet über, wie sie im späteren Gerichtsverfahren angeben, „scheiß Ausländer“. Sie sind der Meinung der Name Blotzki klinge ausländisch, deshalb wollen sie dem Ausländer „Stress“ machen. Gegen 7.30 Uhr dringen sie über den Balkon in die Erdgeschosswohnung ein. Einige durchsuchen die Wohnung nach Geld, die anderen misshandeln Augustin Blotzki und zertrümmern Teile der Wohnungseinrichtung. Dann verlassen sie die Wohnung, kehren aber nach einer Stunde zurück. Augustin Blotzki erkennt die Täter wieder. Das ist sein Todesurteil. Sie prügeln mit unglaublicher Brutalität auf ihn ein, es hagelt Fußtritte, Fausthiebe und Schläge mit einem Stuhlbein. Dabei beschimpfen sie ihn als „Ausländersau“. Der bereits Schwerverletzte sagt ihnen, er sei Deutscher, lediglich sein Name käme aus Bulgarien. Nun beschimpfen sie ihn als „Bulgarensau“ und prügeln weiter auf ihn ein. Zum Schluss zerschlagen sie eine Vase auf seinen Kopf. Sie kommen noch ein drittes Mal wieder. Diesmal stellen sie fest, dass Augustin Blotzki tot ist. Erst eine Woche später wird seine Leiche in der Wohnung gefunden.

Die Täter_innen sind zwischen 15 und 24 Jahren und stadtbekannte Rechte. Die Mehrheit von ihnen ist glatzköpfig, keiner gehört einer einschlägigen Organisation an. An dem Freitagvormittag sind viele BewohnerInnen des fünfstöckigen Neubaublocks zuhause. Obwohl der ungewöhnliche Lärm durch die hellhörigen Wände nach außen gedrungen sein muss, verständigt niemand der Nachbarn die Polizei oder erkundigt sich, was in der Wohnung von Augustin Blotzki vor sich geht. Augustin Blotzki lebt weitgehend anonym. Die seltenen Kontakte mit den Nachbarn beschränken sich Begegnungen im Treppenhaus und vorsichtige Beschwerden über die Lautstärke wenn er betrunken ist. [1]

DAS VERFAHREN

Polizei und Staatsanwaltschaft sehen kein rechtes Tatmotiv. Angeklagt werden die vier Täter und eine Täterin daher wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung mit Todesfolge. Die Jugendkammer des Landgerichts Potsdam verurteilt drei der Täter wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen zu Freiheitsstrafen zwischen achteinhalb und 14 Jahren. Ein Jugendlicher und die Jugendliche erhalten Haftstrafen zwischen vier bzw. sechseinhalb Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge. [2] In seiner mündlichen Urteilsbegründung hebt der Vorsitzende Richter hervor, dass die Tat aus einer Mischung aus „plakativem rechten Gedankengut, Frustration und Ausländerhaß“ heraus begangen worden sei. [3] Erst im Jahr 2000 wird der politisch motivierte Mord in die polizeiliche Statistik „rechtsextrem motivierter Gewalt“ aufgenommen. [4]

[1] Jungle World, 20.05.1998: Ein ganz normaler Mord
[2] Tagesspiegel, 31.05.2012: Tödlicher Hass. 149 Todesopfer rechter Gewalt,
[3] Jungle World, 20.05.1998: Ein ganz normaler Mord
[4] Tagesspiegel, 30.03.2001: Rechtsextremismus: Mehr Opfer im Blick