Belaid Baylal

Belaid Baylal
Foto: Belziger Forum e.V.

In der Nacht zum 4. November 2000 stirbt der marokkanische Asylbewerber Belaid Baylal auf der Intensivstation des Belziger Kreiskrankenhauses an den Folgen eines rassistischen Angriffs, dem er sieben Jahre zuvor zum Opfer gefallen war. Sein Leichnam ist in Marokko unbekannt begraben.

Belaid Baylal wurde 1958 in Marokko geboren. In seinem Heimatland kämpfte er in Gewerkschaften und der „Partei für Fortschritt und Sozialismus“ für bessere Arbeitsbedingungen, gegen Korruption und organisierte mit Kollegen Streiks. In Folge eines Streiks 1980 wurde er inhaftiert und gefoltert.1 Aus diesem Grund floh er via Libyen und Algerien in den 1980er Jahren nach Deutschland.2 Einen Antrag auf Asyl stellte er 1991. Er lebte zuletzt im Asylbewerberheim Belzig.

Der Ort

Schon zu DDR-Zeiten gab es in Belzig und Umgebung rechte Skinheads. In den frühen 1990er Jahren steht die Stadt in dem Ruf, „rechtsorientierte Jugendliche könnten sich hier ungestraft zuammenrotten und Straftaten vorbereiten.3 Die offen zur Schau gestellte rechte Präsenz ist im Stadtbild unübersehbar. Der städtische Jugendclub wird schnell von der rechten Klientel dominiert. Hier proben ungestört rechte Bands. Der zuständige Sozialarbeiter wird lapidar als „Bierzapfer für die Nazis“4 bezeichnet. Vor allem linke Jugendliche und Flüchtlinge aus dem örtlichen Asylbewerberheimen werden immer wieder bedroht und angegriffen. Für die, die von den Neonazis zu „Feinden“ oder „Fremden“ erklärt werden, gibt es überall gefährliche Orte in der Stadt. Orte an denen sie, manchmal nur zu bestimmten Tageszeiten, bedroht, beleidigt oder verletzt werden. So ist zum Beispiel der Weg vom Bahnhof zum Heim oft ein gefährlicher Spießrutenlauf. Der damalige Bürgermeister (SPD) sagt 2013, wenige empathisch, rückblickend über diese Zeit: „Sicher gab’s auch hier und da mal ein bisschen Gerangel von jungen Leuten untereinander und mit den angeblich Rechtsradikalen.“ Einige seien „etwas ausländerfeindlich“ gewesen, aber das habe er „alles immer als normal“ empfunden.5 1997 gründet sich, als Reaktion auf die zunehmenden Angriffe auf linke Jugendliche und Flüchtlinge, das „Belziger Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt“. Ein Jahr später eröffnet das Info-Cafe „Der Winkel“. Ein Treffpunkt und Kommunikationsort für explizit ‚nicht rechte’ und ‚alternative’ Jugendliche und Erwachsene, Flüchtlinge und Migrant_innen mit großer Bedeutung für die Stadt.6

DIE TAT

Am Abend des 08.05.1993 geht Belaid Baylal mit vier Freunden aus dem Belziger Asylbewerberheim auf ein Bier in die Gaststätte „Birkeneck“ in der Brücker Landstraße. Gegen 23.00 Uhr betreten die Jugendlichen Mario K. Und Dirk L. die Gaststätte und beginnen, die vier Asylbewerber rassistisch zu beschimpfen und Flaschen auf sie zu werfen. Bis auf Baylal und einen weiteren Freund verlassen die Asylbewerber lieber die Gaststätte. Baylal will erst noch sein Getränk zu Ende trinken. Außerdem habe er doch nichts getan und müsse deshalb nicht gehen, so argumentiert Baylal gegenüber seinem Freund.7 Gegen Mitternacht greifen Mario K. und Dirk L. die beiden Asylbewerber unvermittelt an. Baylal wird von seinem Stuhl am Tresen zu Boden gestoßen. Mario K. hält ihn von hinten fest, während Dirk L. ihm in die Magengegend schlägt und tritt. Baylals Freund konnte sich in Sicherheit bringen. Laut Anklageschrift hat das Tatgeschehen in der Gaststätte stattgefunden. „Nach Schilderungen von Augenzeugen dagegen sei Baylal der Gaststätte gedrängt und davor zusammen geschlagen worden. Unabhängig vom Ort des Geschehens steht jedoch fest, dass Baylal schwer verletzt wurde.“8

Der Marokkaner wird mit einem Rettungswagen ins Kreiskrankenhaus transportiert. Laut dem Chefarzt des Belziger Kreiskrankenhauses hat der Schwerverletzte ein stumpfes Bauchtrauma erlitten, wovon ein Teil des Dünndarms schwer betroffen ist. Baylal verbringt vier Woche in der Klinik, davon fast 14 Tage auf der Intensivstation. Er muss mehrmals operiert werden und als weitere Komplikation kommt eine Lungenentzündung dazu. „Bereits einen Monat später gibt es einen Rückfall. Ein beginnender Darmverschluss aber kann konservativ behandelt und ein erneuter Eingriff abgewendet werden. Nach einer Woche kann er die Station verlassen. Die Mediziner attestieren ihm jedoch aufgrund der Narben und Verwachsungen im Darm bleibende gesundheitliche Probleme. Die Gefahr erneuter Darmverschlüsse schwebt fortan als Damoklesschwert über ihm.

In den folgenden vier Jahren muss sich Baylal mehrfach in ambulante Behandlung begeben und Leben, Ernährung und Aktivitäten auf die neue Situation umstellen. Er ist viel krank, kann weniger am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen und vereinsamt zunehmend. Im Mai 1997 können ihn die Ärzte im Belziger Kreiskrankenhaus ein drittes Mal vor den tödlichen Folgen eines beginnenden Darmverschlusses bewahren. Weitere drei Jahre in ambulanter Behandlung und mit regelmäßigen Schmerzen vergehen, bevor sich im Jahr 2000 die Situation zuspitzt. Zwei weitere beginnende Darmverschlüsse im Februar und im Juni, verbunden mit Rettungsdienst, stationärem Krankenhausaufenthalt und Infusionstherapie, zehren an seinen physischen und psychischen Kräften.

Am 28. Oktober 2000 schleppt er sich gegen 22.40 Uhr mit akuten Bauchschmerzen in das Büro des Asylbewerberheimes. Der dort diensthabende Bodo Zander ist zugleich sein engster Vertrauter. Dieser ruft sofort den Bereitschaftsarzt. Gegen 23.00 Uhr veranlasst der Mediziner den Rettungstransport ins Krankenhaus. Baylal lässt zwar noch eine computertomografische Untersuchung zu, mit deren Hilfe erneut ein beginnender Darmverschluss diagnostiziert wird, doch er will nicht mehr leben. Die diesmal notwendige Operation lehnt er energisch ab. Er verfällt zusehends, nacheinander versagen Atmung, Nieren- und weitere Organfunktionen, er wird künstlich beatmet und am Leben erhalten. Das Krankenhaus versucht, Kontakt zu möglichen Verwandten, Rechtsanwälten und zum Ausländerbeauftragten aufzunehmen. Als Baylal nichts mehr sagen und verweigern kann und die Ärzte selbst entscheiden können und müssen, ist es für eine Operation zu spät. Der Körper ist viel zu geschwächt, um die Strapazen des Eingriffs zu überleben. Belaid Baylal stirbt am 3. November 2000 gegen 23.00 Uhr an einem Multiorganversagen. Für den Chefarzt des Belziger Kreiskrankenhauses, Dr. Manfred Heßler, stehen die Spätfolgen der Verletzungen vom 8. Mai 1993 zweifelsfrei als Todesursache fest.“9.

Das Verfahren
Am 28.03.1994 beginnt der Prozess gegen die beiden 17( bzw. 22 Jahre alten Täter. Beide sind geständig. Als Motiv geben sie an, sie würden Ausländer nicht mögen und diese hätten sich nicht in deutschen Gaststätten aufzuhalten. Die Begründung spricht nach Ansicht des Richters gegen die Täter, was sich auch auf Art und Maß der Strafe auswirkt. Das Gericht sieht einen fremdenfeindlichen Hintergrund als erwiesen an. Dirk L. wird zu einer Freiheitsstrafe von fünf Monaten auf Bewährung verurteilt. Mario K., der nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, muss 300 Mark Geldbuße an den Allgemeinen Behindertenverband zahlen sowie 15 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.10

Das Gedenken
Seit dem 04.11.2003 erinnert ein Gedenkstein in Bad Belzig an Belaid Baylal.11 Zwischen 2004 und 2013 gab es kein öffentliches Gedenken an die Tat. Erst 2014 fanden sich wieder Menschen ein, um zu Erinnern.12 Im Jahr 2010 wurde der Gedenkstein von Unbekannten geschändet.13

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Die Quellen:

1 Belziger Forum e.V. (Hrsg.): Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal. Dokumentation einer Spurensuche. Belzig, 2003, S. 6-7
2 Ebd.
3 Thomas Bürk: Gefahrenzonen, Angstraum, Feindesland. Stadtkulturelle Erkundungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in ostdeutschen Kleinstädten, Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster 2012, S. 145
4 Ebd., S. 154
5 Etwas ausländerfeindlich, Neues Deuschland v. 6.6.2013.
6 Info Cafe „Der Winkel
7 Belziger Forum e.V. (Hrsg.): Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal. Dokumentation einer Spurensuche. Belzig, 2003, S. 6-7
8 Ebd.
9 Jan-Philipp Baeck: Wir haben keine Angst. in: TAZ v. 10.04.2012
10 Bad Belzig Rechtsaussen, „
Belaid Baylal“, auf: Bad Belzig Rechtsaussen 06.05.2013
11 Frank Jansen, Heike Kleffner, Johannes Radke und Toralf Staud:
156 Schicksale. in: ZEIT Online v. 16.09.2010
12
https://www.facebook.com/events/1473584536253424/
13 Anschläge in Belzig verurteilt. in: Potsdamer Neueste Nachrichten, v. 12.11.2010