Enrico Schreiber

Enrico Schreiber wurde am 30.07.1977 geboren. Er gehörte viele Jahre zu Punkszene in Frankfurt (Oder). In dieser Zeit kam es mehrmals zu Auseinandersetzungen mit Neonazis, die oft Jagd auf Punks machten.1 Laut dem späteren Gerichtsurteil hat Enrico aber nie Anzeige gegen die Angreifer gestellt.2 Als er ca. ein Jahr vor der Tat aus der Punkszene aussteigt, behält er seinen Spitznamen „Punki“. Unter diesen Nahmen kennen ihn auch die Neonazis. Enrico wohnte häufig bei Freunden.

Der Ort

Eine aktive rechte Szene gibt es in Frankfurt (Oder) mindestens seit Anfang der 90er Jahre. Als 1991 der visafreie Grenzverkehr zwischen Deutschland und Polen eingeführt wird, kommt es in der Stadt zu massiven Gewalttätigkeiten gegen polnische StaatsbürgerInnen. Zwischenzeitlich sind hier die JN, die NPD und verschiedene Kameradschaften aktiv. Aus Frankfurt (Oder) stammt der rechtsextreme Liedermacher Jörg Hähnel, der bis heute im Bundesvorstand der NPD tätig ist. Für das Jahr 2003 verzeichnet die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Frankfurt insgesamt acht Angriffe auf Flüchtlinge, alternative Jugendliche und StudentInnen. Auf der zivilgesellschaftlichen Seite stellen sich Vertreter aus Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und die örtliche Antifa-Gruppe, die sich in der „Plattform gegen Rechts“ zusammengeschlossen haben, den rechten Strukturen entgegen.

Die Tat

Den Abend des 28. März 2003 verbringt Enrico Schreiber mit einigen Kumpels in einer Kneipe. Am späten Abend geht er in die nahe gelegene Wohnung von Holger B., der mit in der Kneipe ist, aber dort bleibt. Enrico möchte sich in der Wohnung seines Bekannten schlafen legen. Gegen 23.30 Uhr treten drei Männer die Wohnungstür ein. Die u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung und Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen Vorbestraften gehören zur rechten Skinheadszene der Stadt. Sie sind auf der Suche nach einem anderen Bewohner des Hauses, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen. Angeblich soll er die Freundin des 20-jährigen Daniel Sch., der an dem Abend eine Kette mit einer Hakenkreuzeinprägung trägt, angefasst haben. Für die „Abreibung“ haben sich die Brüder Marco und Daniel Sch., sowie ihr fast zwei Meter großer und 110 kg schwerer Kumpel Stephan B., u.a. mit Wurfmessern bewaffnet. Doch der Gesuchte ist nicht in der Wohnung. Stattdessen finden die drei den auf der Couch schlafenden, stark alkoholisierten Enrico Schreiber vor. Sie kennen ihn unter dem Spitznamen „Punki“ schon länger, erkennen ihn sofort und wissen, dass er zu der von ihnen verhassten Punkszene gehörte. Daniel Sch. gibt später an, schon mehrmals Auseinandersetzungen mit Enrico und dessen Kumpels gehabt zu haben. Daniel Sch. steckt noch an der Wohnungstür stehend sein Wurfmesser zurück in die Tasche, da von Enrico seiner Ansicht nach keine Gefahr ausgeht. Stefan B. reagiert ganz anders. Er will an den anderen vorbei, um sich als erstes auf Enrico zu stürzen, wird aber von den Brüdern zurückgehalten. „Um sich warm zu machen“3, tritt er stattdessen als erstes die Glasscheibe der Balkontür ein. Die Brüder gehen inzwischen zu Enrico, um ihn zum Aufenthaltsort des Gesuchten zu befragen. Dabei schlagen sie immer wieder mit Fäusten auf ihn ein. Als Enrico nur mit den Schultern zuckt, ist ihr Vorhaben, dem Gesuchten wegen sexueller Belästigung einen „Denkzettel“ zu verpassen, nicht mehr von Bedeutung. Nun beginnt das Martyrium des ehemaligen Punk durch die drei Skinheads erst richtig. Stefan B., der für die Dauer der „Befragung“ nicht an Enrico Schreiber ran durfte, beteiligt sich nun maßgeblich an den weiteren Misshandlungen. Er zertrümmert eine gläserne Kaffeekanne auf Enricos Kopf. Anschließend nehmen er und Marco Sch. jeder eine Bierflasche und zerschlagen diese ebenfalls auf dem Kopf von Enrico. Der über 110 kg schwere Skinhead springt mehrmals mit voller Wucht auf den Oberkörper des auf der Couch liegenden. Mit einem Wurfmesser sticht der 19jährige Stephan B. immer wieder in ein Bein von Enrico und verletzt ihn damit schwer. Die Brüder nutzen derweil die Chance, die Wohnung nach stehlenswerten Gegenständen zu durchsuchen. Sie packen eine Playstation ein und rauben dem Schwerverletzten Handy und Geldbörse, dann verlässt das Trio die Wohnung.4 Kurze Zeit später kommen sie wieder, um die Geheimzahl der von ihnen erbeuteten EC-Karte von Enrico Schreiber zu erpressen. Auch die Freundin des 20-Jährigen Daniel S. kommt mit. Als sie den blutüberströmten Enrico reglos auf der Couch liegen sieht, fordert sie, dass ein Notarzt verständigt wird. Als ihre Begleiter dies verbieten, verlässt sie die Wohnung. Die Täter versuchen nun, mit einem Wurfmesser die PIN von Enrico zu erpressen und stechen ihm das Messer in den noch unverletzten Unterschenkel. Die Nummer bekommen sie nicht, da Enrico nicht mehr in der Lage ist, zu antworten. Sie gehen wieder.
Der Wohnungsinhaber Holger B. und die Bekannte von Enrico kommen gegen 2.30 Uhr nach Hause und finden den Schwerverletzen auf dem Sofa liegend. Zunächst holen sie weitere Bekannte aus der nahe gelegenen Gaststätte, verständigen anschließend den Notarzt und leisten erste Hilfe. Wenig später verblutet Enrico Schreiber im Klinikum Markendorf.

DAS Verfahren

Nach anfänglichen Ermittlungen in andere Richtungen, meldet sich am 1.4.2003 Danilo G., der am Tatabend auf die Kinder von Marco Sch. aufgepasst hatte, über seinen Vater bei der Polizei und macht eine Aussage.5
Im Juli 2003 erhebt die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) Anklage wegen Mordes aus Habgier und zur Verdeckung einer anderen Straftat (Raub) gegen die Brüder Daniel und Marco Sch. Den Angeklagten Stephan B. wirft sie darüber hinaus vor, aus Mordlust gehandelt zu haben. Ein politisches Motiv sieht die Anklagebehörde nicht. Ihrer Einschätzung nach spielte es bei dem Mord keine Rolle, dass Enrico Schreiber als ehemaliger Punk und Alkoholiker zur Feindgruppe der rechten Skinheads gehörte. Beim Prozess sind die drei Angeklagten weitgehend geständig. Sie räumen ein, dass ihr Opfer „eigentlich keine Chance“ zur Gegenwehr hatte.6 Spätestens im Gerichtsverfahren wird jedoch deutlich, dass die Auswahl des Opfers bei der Tatbegehung zumindest eskalierend eine Rolle spielte. Der Angeklagte Stephan B. gibt zu, dass er nach der Tat gegenüber einem Freund berichtete, sie hätten einen „Punker umgeklatscht“. Bereits zuvor hatten zwei Freundinnen der Angeklagten ausgesagt, die Drei hätten nach der Tat geäußert: „Es war ja nur ein Punk“.7 Am Ende des Prozesses fordert die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer für den 29jährigen Marco S. einen lebenslangen Freiheitsentzug und für die beiden 20 bzw. 21jährigen Heranwachsenden neun Jahre, bzw. neun Jahre und drei Monate Jugendstrafe.
Im Dezember 2003 verurteilt die 1. Strafkammer des Landgerichtes Frankfurt (Oder) die Täter wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung sowie schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Marco S. erhält eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren, Daniel Sch. sieben Jahre und Stephan B. acht Jahre Jugendstrafe. Die rechte Gesinnung der Täter wird im Urteil mit keinem Wort erwähnt, eine tateskalierende politische Motivation findet keine Berücksichtigung.8 Im Gerichtsurteil wird lediglich erwähnt, Marco Sch. habe einräumt, er hätte Enrico Schreiber zwar gekannt, „sie seien jedoch keine Freunde gewesen“. Weiter merkte er an, er sei davon ausgegangen, „Punki“ würde lediglich ein paar „Kellen“ bekommen und wie sonst auch keine Anzeige bei der Polizei stellen. In der Vergangenheit hätte es dann lediglich mal Racheaktionen seiner (Punker)freunde gegeben. Marcus Sch. muss also bereits vor dem tödlichen Angriff bei Überfällen auf den als ehemaligen Punk und alkoholkranken bekannten Enrico Schreiber dabei gewesen.9

Das Gedenken

Im Rahmen einer Erinnerungskampagne für Todesopfer rechter Gewalt benannte eine Initiativgruppe kurzzeitig im Jahr 2011 Haltestellenstationen in Bonn-Kessenich um. Eine trug den Namen von Enrico Schreiber.10 In Frankfurt (Oder) fand für Enrico Schreiber bisher kein öffentliches Gedenken statt.


Die Quellen

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 176
2 Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003, S. 32 und 43
3 Ebd. s. 27-28
4 Mordanklage gegen rechte Schläger, in: Tagesspiegel v. 27.08. 2003
5 Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003
6 Das Opfer hatte keine Chance, in: Märkische Oderzeitung v. 17.09.2003
7 Es war ja nur ein Punk, in: Tagesspiegel v. 24.09.2003
8 Urteil vom Landgericht Frankfurt (Oder) vom 18.12.2003
9 Ebd.
10 Break the Silence, Enrico Schreiber, auf: Break the silence