Opferperspektive Brandenburg

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Ernst Fisk

23. September 1997

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Ernst Fisk wird am 7. Mai 1938 in Danzig geboren. Laut Polizeiprotokoll ist Ernst Fisk als Obdachloser in der Kleinstadt bekannt. Oftmals übernachtet er im Friedenspark. [1] Als sich die Gewalttaten auf Obdachlose in der Stadt häuften, wird Ernst Fisk mehrfach Opfer von Übergriffen. So berichtete ein Polizeibeamter der Angermünder Wache, „dass man Fisk öfter mit Verletzungen im Gesicht gesehen“ habe. Er habe den Beamten erzählt, dass er von Jugendlichen aufgesucht, bestohlen und verprügelt worden sei – Anzeigen soll er abgelehnt haben. [2]

Der Ort

Im uckermärkischem Angermünde existiert 1997 eine starke rechte Szene. In der erste Hälfte der 1990er Jahre ist hier die Nationalistische Front (NF) und deren Nachfolgeorganisationen aktiv, deren Kader zunehmend Einfluss auf die rechtsorientierte Jugendszene erlagen und ihren Nachwuchs rekrutieren. Es kommt zu zahlreichen Übergriffen u.a. wird auf das von linken Jugendlichen besuchte Alternative Literaturcafé ein Brandanschlag verübt. Nach einigen Jahren der scheinbaren Ruhe, in der die Deutsche Liga für Volk und Heimat (DLVH) und die Nationalen e.V. im ganzen Land Brandenburg freie Kameradschaften aufbauten, nehmen die Angriffe auf alle die „Anders“ sind ab 1997 wieder zu. [3] Betroffen sind Migrant_innen, Aussiedler_innen, linke bzw. alternative Jugendliche und vermehrt auch Obdachlose. Die Polizei verzeichnet „eine Reihe von Gewalttaten, die oft auch vom Bahnhof ausgehen. Dort gibt es einen Treffpunkt von gewaltbereiten Schlägern, die sich der rechten Szene zugehörig fühlen. Personen werden angegriffen, von denen sich die Schläger geringen Widerstand erwarten. [4] Die rechte Szene hat viele Treffpunkte in der Stadt – Kneipen, die Tankstelle, ein mit Hakenkreuzen, Baseballkeulen und Reichskriegsflagge ausstaffierter illegaler Jugendclub am Sportplatz und eben auch den Bahnhof. Die organisierte Szene ist sind gut vernetzt, insbesondere mit dem Kameradschaftsbund Barnim von Gorden Reinholz. [5]

Die Tat

Über den Hergang der Tat ist nichts bekannt. Ernst Fisk wird am Morgen des 23. September 1997 mit blutenden Kopfverletzungen auf der Straße aufgefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert. Da es keine Augenzeugen gibt und Ernst Fisk nicht befragt werden kann, gehen die Ermittlungsbehörden anfangs von einem Sturz aus. Ermittlungen gegen Unbekannt werden am 13. November 1997 eingestellt. Ernst Fisk liegt im Koma und wird später in ein Pflegeheim untergebracht. Er ist nicht ansprechbar und muss mit einer Magensonde ernährt werden. Sein Körper ist geschwächt und er stirbt in Folge einer Lungenembolie am 30. August 1998.

Das Verfahren

Der Polizei Angermünde ist bekannt, dass es im Sommer 1997 mehrfach zu Raubtaten und Körperverletzungen durch Jugendliche an Obdachlosen im Stadtgebiet Angermünde gekommen ist. Beim Fall Fisk allerdings ermitteln sie erst gar nicht gegen Unbekannt. Bereits die Ärzte halten eine Gewalttat eher für unwahrscheinlich und gehen von einem Sturz aus. Nach seinem Tod kann auch die erste Leichenbeschau nur einen natürlichen Tod feststellen. Erst eine weitere Leichenschau im Krematorium bringt Zweifel und die Anordnung einer Obduktion. Das Sektionsgutachten stellt einen „kausalen Zusammenhang zwischen einer erheblichen Gewalteinwirkung auf den Kopf des Mannes und dessen späteren Tod“ [6] fest. Ernst Fisk sollte offensichtlich erschlagen werden. Der Bericht wird erst ein halbes Jahr später, Mitte März 1999, an die Staatsanwaltschaft gesendet. Weitere drei Monate später fertigt die Polizei eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung mit Todesfolge an – Ernst Fisk ist bereits seit einem dreiviertel Jahr verstorben, die Tat liegt knapp anderthalb Jahre zurück. Im Zuge der Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens zur tödlichen Körperverletzung an Ernst Fisk ermittelt die Mordkommission sämtliche bekannt gewordenen Täter vergangener Raubtaten gegen „mittellose Personen“. Laut Verfügung der Staatsanwaltschaft kommen alle Beschuldigten aus Körperverletzungs- oder Diebstahldelikten im Raum Angermünde als tatverdächtig in Betracht. Von den 53 ermittelten Personen erscheinen nur 32 und werden vernommen. Das Verfahren schleppt sich zwei Jahr hin und wird schließlich von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Es können keine hinreichend Tatverdächtigen ermittelt werden, u.a weil die Befragten Alibis vorweisen können bzw. ein bestehender erhärteter Tatverdacht nicht ausreichend begründet werden kann. Der Bahnhof ist 1997 ein beliebter Treffpunkt einer rechten Skinheadclique. Dazu zählen auch der 16jährige Matthias E. und der 19jährige Dennis M.. Beide gelten als tatverdächtig, gestehen allerdings nicht und können auch nicht überführt werden. Beide haben wiederholt Obdachlose zusammengeschlagen. Einer der beiden gibt an, einmal einen Obdachlosen zusammengeschlagen zu haben, aber nicht zu wissen, ob es der stadtbekannte Ernst Fisk gewesen sei. [7]

Das Gedenken

Ein öffentliches Gedenken hat bisher nicht stattgefunden.

Die Quellen

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 127
2 Gegenrede. Info-Portal gegen Rechtsextremismus für Demokratie, 5.7.2015: Ernst Fisk starb 1998 in Angermünde.
3 Antifaschistisches AutorInnenkollektiv: Hinter den Kulissen: Faschistische Aktivitäten in Brandenburg – Update 99. S. 28
4 Zentrum Demokratische Kultur: Chronik von Vorfällen mit rechtsextremem Hintergrund in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin Januar bis Dezember 1998. Bulletin Schriftenreihe, S. 13
5 Pfeffer & SalZ: Recherchebroschüre Rechtsextremismus. Denn wir wissen, was sie tun. Uckermark im Jahr 2000
6 Jens Blankennagel, Obdachlosen aus Langeweile erschlagen, in: Berliner Zeitung v. 16.08.2001
7 ebd.