Gerd Himmstädt

Gerd Himmstädt wurde im Jahr 1961 geboren. Mehr ist uns über ihn leider nicht bekannt.

Die Tat

Die Brüder Gerd und W. Himmstädt verbringen den Abend des 30.11.1991 in der Hohenselchower Gaststätte „Zur Kastanie“. Die Diskothek verlassen sie gegen 22:30 Uhr. Ihnen folgen sechs junge Männer, die fest in der rechten Szene von Hohenselchow (Uckermark) verankert sind. Himmstädt wird seit längerem verdächtigt, einen Geldautomaten aus der Gaststätte aufgebrochen und gestohlen zu haben. Die jungen Skinheads wollen ihm deshalb „einen Denkzettel verpassen“1 und durch Selbstjustiz bestrafen.
Zwar versucht Gerd Himmstädt zu fliehen, doch die Gruppe holt ihn ein. Mit einem Totschläger und Tritten schlagen und bringen sie ihn zu Boden, lassen aber nach kurzer Zeit wieder von ihm ab und gehen zurück in die Gaststätte. Dort erzählt ihnen eine Jugendliche, dass Gerd Himmstädt sie vor einiger Zeit versucht hätte, zu vergewaltigen. Diese Information nehmen die Männer zum Anlass, das Recht erneut selber in die Hand zu nehmen und Himmstädt auch dafür zu bestrafen. Einer der Täter, Steffen Sch., der ab und an Ordner in der Gaststätte ist, ist anschließend an weiteren Tathandlungen nicht beteiligt, da er davon ausgeht, Himmstädt hätte beim ersten Angriff genug abbekommen.
Sven Bö., der auf seiner Hand das Wort Hass mit zwei SS-Runen tätowiert hat,2 allerdings hält sich nicht an diese unausgesprochene Absprache. Er schlägt mit äußerster Brutalität einen Baseballschläger gegen den Hals von Himmstädt, weshalb dieser auf die Straße fällt. In Folge des Falls erleidet Himmstädt einen Schädelbasis- und Dachbruch. Nach einem weiteren Schlag mit dem Baseballschläger gegen den Kopf versuchen die Mittäter F. und Z., die exzessive Gewalt von Bö. zu beenden und ihm den Baseballschläger wegzunehmen. Bö. drohte ihnen jedoch, sie ebenfalls damit zu schlagen. Auch der Initiator des ersten Angriffs, Steffen Sch., versucht Bö. von weiteren Angriffen abzuhalten, dennoch springt dieser anschließend noch auf den Kopf des sich nicht mehr bewegenden Gerd Himmstädt.
Der damalige Schwedter Rechtsdezernent, gibt nach der Tat an, er „werde als erstes heute oder morgen erst einmal in die Szene gehen und mich auch von dieser Seite informieren, was in Hohenselchow wirklich vorgefallen ist, nun kann es ja nicht sein, dass alle Glatzköpfe für Totschläger gehalten werden“.3

Das Verfahren

Sven Bö., geboren 1972 und arbeitsloser Landwirt, wird als Haupttäter vom Bezirksgericht Frankfurt/Oder im Jahr 1992 verurteilt. Er erhält wegen Nötigung, Totschlags und Körperverletzung eine Einheitsjugendstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. Einbezogen werden auch andere Strafen, die er bereits vorher erhalten hatte. So war er beteiligt am Überfall auf Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde am 24.11.1990, der in Folge des Angriffs starb. Mit einem Messer verletzte er den Angolaner Francisco D. u.a. an Kopf und Gesäß.4 Sein älter Bruder Kay-Nando Bö. war der Haupttäter bei der Tötung von Amadeu Antonio Kiowa. Ebenfalls wird eine Verurteilung vom 27.11.1989 im Urteil von 1992 mit einbezogen. Damals wurde er, wie andere deutsche Jugendliche, wegen Körperverletzung an polnischen Jugendlichen verurteilt.
In der Bewertung des Verhaltens von Bö. unterstellt das Gericht trotz exzessiver Gewalt keine (bzw. nur eine bedingte) Tötungsabsicht fest. Aufgrund erhöhtem Alkoholkonsums geht das Gericht davon aus, dass seine „Einsichts- und Steuerungsfähigkeit […] erheblich vermindert“5 gewesen sei.
Sechs weitere Täter erhalten wegen gefährlicher Körperverletzung Jugendstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Ein Täter erhält ebenfalls wegen gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe auf Bewährung, allerdings nach Erwachsenenrecht.

Das Urteil ist aus verschiedenen Gründen fehlerhaft und politisch zweifelhaft. So wird die Verbindung der Täter in die rechte Szene überhaupt nicht gewürdigt, obwohl in der Anklageschrift auf Bezüge zur Skinheadszene hingewiesen wird.6

Die Täter sahen sich ganz nach dem Konzept der „Nationalbefreiten Zonen“ als Ordnungsmacht, welche Kriminalität außerhalb der Rechtsnormen mit Strafen belegen dürfe. Stattdessen lässt das Gericht die „politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse“7 in die Wertung einfließen. Zwar sah das Gericht „im Gegensatz zu manch anderem“8, dass die Täter eine Perspektive hatten, doch im allgemeinen hätten sie bei Jugendlichen im Osten eine Orientierungslosigkeit diagnostiziert, welche dafür gesorgt hätte, dass „[n]icht umsonst [..] bei diesen Jugendlichen in den neuen Bundesländern die Gewaltbereitschaft besonders hoch“9 gewesen sei.

Das Gedenken

Ein Gedenken gibt es bis heute für Gerd Himmstädt nicht.

Die Quellen

1 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 40
2 Christoph Dieckmann, „...die ganzen Neger in der Stadt“, in: ZEIT v. 10.7.1992
3 Ebd. und Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv(Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, (Nr. 1), Berlin 1994, S. 65
4 Dieckmann, a.a.o.
5 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 73
6 Ebd., S. 43
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Ebd.