Opferperspektive Brandenburg

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Gerd Himmstädt

01. Dezember 1991

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Gerd Himmstädt wurde im Jahr 1961 geboren. Mehr ist uns über ihn leider nicht bekannt.

Die Tat

Die Brüder Gerd und W. Himmstädt verbringen den Abend des 30. November 1991 in der Gaststätte „Zur Kastanie“ in Hohenselchow. Die Diskothek verlassen sie gegen 22:30 Uhr. Ihnen folgen mehrere junge Männer, die fest in der rechten Szene der Uckermark verankert sind. Gerd Himmstädt wird seit längerem verdächtigt, einen Geldautomaten aus der Gaststätte gestohlen und aufgebrochen zu haben. Die jungen Skinheads wollen ihm deshalb „einen Denkzettel verpassen“. [1] Gerd Himmstädt versucht zu fliehen, doch die Gruppe holt ihn ein. Die mit einem Todschläger und einem Baseballschläger bewaffneten Skinheads schlagen und treten auf ihn ein. Nach der Gewalttat begeben sich die jungen Männer zurück in die Gaststätte. Eine Jugendliche behauptet, dass Gerd Himmstädt sie vor einiger Zeit versucht hätte, zu vergewaltigen. Diesen Vorwurf nehmen die Skinheads zum Anlass, Gerd Himmstädt erneut zu überfallen und zu „bestrafen“.

An diesem zweiten Überfall ist Sven B. beteiligt. Auf der Hand des arbeitslosen Landwirtes ist das Wort Hass mit zwei SS-Runen tätowiert. [2] 1990 ist er an dem tödlichen Überfall auf Amadeu Antonio in Eberswalde beteiligt. Die diesbezügliche Gerichtsverhandlung steht im November 1991 noch aus. Sven B. schlägt mit einem Baseballschläger brutal auf Gerd Himmstädt ein. Ein Schlag trifft ihn am Hals, woraufhin er zu Boden fällt. In Folge des Sturzes erleidet der Angegriffene einen Schädelbasis- und einen Schädeldachbruch. Nach einem weiteren Schlag mit dem Baseballschläger gegen den Kopf versuchen die Mittäter F. und Z., die exzessive Gewalt von B. zu beenden. B. droht ihnen jedoch, sie ebenfalls mit dem Baseballschläger zu schlagen. Auch der Initiator des ersten Angriffs versucht B. von weiteren Gewalttaten abzuhalten. Dennoch springt dieser noch mit beiden Füßen auf den Kopf des regungslosen Gerd Himmstädt.

Der damalige Schwedter Rechtsdezernent gibt nach der Tat an, er „werde als erstes heute oder morgen erst einmal in die Szene gehen und mich auch von dieser Seite informieren, was in Hohenselchow wirklich vorgefallen ist, nun kann es ja nicht sein, dass alle Glatzköpfe für Totschläger gehalten werden“. [3]

Das Verfahren

Im Oktober 1992 wird am Bezirksgericht Frankfurt (Oder) das Urteil gesprochen. Der Haupttäter Sven B. erhält wegen Nötigung, Totschlag und Körperverletzung eine Einheitsjugendstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. In das Urteil einbezogen werden weitere Strafen, so jene wegen seiner Beteiligung am Überfall auf Amadeu Antonio 1990 und eine weitere wegen Körperverletzung an polnischen Jugendlichen im Jahr 1989. In der Bewertung des Verhaltens von B. stellt das Gericht trotz der nachgewiesenen exzessiven Gewalt keine beziehungsweise nur eine bedingte Tötungsabsicht fest. Aufgrund des erhöhten Alkoholkonsums geht das Gericht davon aus, dass seine „Einsichts- und Steuerungsfähigkeit […] erheblich vermindert“ [4] gewesen sei.

Sechs weitere Täter erhalten wegen gefährlicher Körperverletzung Einheitsjugendstrafen beziehungsweise Jugendstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Ein weiterer Täter erhält wegen gefährlicher Körperverletzung eine Bewährungsstrafe nach Erwachsenenstrafrecht. Das Urteil ist aus verschiedenen Gründen zweifelhaft. So wird die Verbindung der Täter in die rechte Szene überhaupt nicht gewürdigt, obwohl die Anklageschrift deutlich darauf hinweist. [5] Stattdessen wertet das Gericht die besonderen „politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse“ [6] insbesondere für Jugendliche in den Neuen Bundesländern als strafmildernd, weil „bei diesen Jugendlichen […] die Gewaltbereitschaft besonders hoch [ist] und auch mit Anlaß zu dieser Tat gegeben [hat].“ [7]

Das Gedenken

Ein Gedenken gibt es bis heute für Gerd Himmstädt nicht.

Die Quellen

[1] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 40
[2] Christoph Dieckmann, „...die ganzen Neger in der Stadt“, in: ZEIT v. 10.7.1992
[3] Ebd. und Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv(Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, (Nr. 1), Berlin 1994, S. 65
[4] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 73
[5] Ebd., S. 43
[6] Ebd.
[7] Ebd.