Gunter Marx

Der 42jährige Gunter Marx lebte mit seiner Frau und den drei Kindern in Velten, einer kleinen Stadt 33 km nordöstlich von Berlin. Er arbeitete als Kraftfahrer.

Der Ort

Velten (Oberhavel) galt bereits seit den 1980er Jahre als Ort mit einer fest etablierten, gewaltaffinen rechten Szene. 1987 griffen rechte Skinheads nach einer Feier in einer Gaststätte erst den Wirt und dann die herbeigerufene Polizei an. In den letzten Jahren der DDR organisierten sich die rechten Skinheads im Altkreis Oranienburg in Gruppen wie „Gesamtsturm Velten-Oranienburg“ und „Sturmfeld Oranienburg“.1 Nach der Wende wurde der Altkreis Oranienburg zu einer Schwerpunktregion der organisierten rechten Szene. Die Nationalistische Front (NF) und ihre Nachfolgeorganisationen waren vor allem im Raum Hennigsdorf-Velten-Kremmen aktiv. Von hier aus wurden im gesamten Land Brandenburg Stützpunkte aufgebaut, Wehrsportlager abgehalten, Sonnenwendfeiern und Kaderschulungen organisiert und auch immer wieder Menschen angegriffen. Neben diesen straff organisierten Strukturen gab es gewaltbereite rechte Jugendcliquen, die schnell ein wesentlicher Bestandteil der Jugendkultur wurden. Rechts sein war „in“, rechts sein war normal. Innerhalb kürzester Zeit erreichte die rechte Szene in Velten eine fast hegemoniale Stellung. Menschen, die sich dagegen engagierten, wurden gnadenlos attackiert. Die Staatsmacht sanktionierte die oft schweren Angriffe nur selten ernsthaft. Den Höhepunkt bildete der Sprengstoffanschlag auf das Auto eines Jugendsozialarbeiters am 21. April 1993 in Velten. Er hatte im Rahmen seiner Arbeit versucht, gewaltorientierte rechte Jugendlichen aus dem Umfeld der verbotenen NF herauszulösen. Der Anschlag wurde nicht aufgeklärt.2

DIE TAT

Am 6. August 1994, kurz nach Mitternacht, ist Gunter Marx auf seinem Fahrrad unterwegs nach Hause, als die vier rechten Skinheads Maik L. (19); Maik K. (20), Uwe Sch. (19) und Thomas F. (20) langsam mit ihrem Auto die Viktoriastraße entlang fahren. Sie sind auf der Suche nach einem Opfer, das sie ausrauben können. Zuvor hatte die Gruppe am nahe gelegenen Bernsteinsee den Tag verbracht und Alkohol getrunken. Nun sind sie pleite, wollen aber noch in die Disko. Deshalb gibt Maik L. die Parole aus, „Alles was auf der Straße herumläuft, außer Frauen und Kinder“. Als die vier Skinheads Gunter Marx auf seinem Fahrrad entdecken, springen sie aus ihrem Auto. Maik L. tritt den Familienvater vom Rad. Der fällt zu Boden und schlägt mit dem Kopf auf. Der 19jährige Skinhead tritt sofort zu und fordert Geld. Doch Marx hat keines bei sich. Maik L. brüllt ihn an: „Du Schwein hast kein Geld?“ und schlägt ihm mehrmals mit einem Radmutterschlüssel auf den Kopf.3 Die Neonazis lassen den tödlich verletzten Mann einfach liegen, um weiter zu versuchen, an Geld zu kommen. Obwohl der Haupttäter stark betrunken ist, weiß er genau, was er getan hat. Im Auto sagt er zu den anderen: „Der ist tot.“ Das Quartett fährt eine Weile durch den Ort und kommt dann zurück. Maik L. steigt noch einmal aus und tritt dem reglos am Boden liegenden Gunter Marx ein paar Mal ins Gesicht. Sie fahren eine weitere Runde durch den Ort und kommen zurück. Sie überfallen ein Ehepaar und verletzen dabei den 50jährigen Mann schwer. Die Beute: 100 DM.4
Bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung des wegen Körperverletzung an einem Portugiesen mit Haftbefehl gesuchten Haupttäters Maik L. findet die Polizei einen Baseballschläger mit eingeritztem Hakenkreuz und dem Schriftzug „Sieg Heil“. Ein Jahr vor dem tödlichen Überfall auf Gunter Marx hatte er außerdem bereits eine Russin überfallen.5

Das Verfahren

Dass die fünf Täter aus der rechten Szene kommen, steht auch für die Staatsanwaltschaft außer Frage. Bei einer Hausdurchsuchung bei Uwe Sch. fanden die Ermittler u.a. ein Baseballschläger mit ein gekratzten Hakenkreuz.6 Die Jugendkammer des Landgerichts Neuruppin verurteilt Maik L. wegen Mordes und Raubes in drei Fällen zu zehn Jahren Jugendhaft. Bereits als 15jähriger „beging er schwerste Straftaten, die gekennzeichnet sind durch äußerste Brutalität und völliges Negieren der persönlichen Integrität anderer.“7 Der Haupttäter, der „seelisch verkümmert“ sei, weil er als Kind in einer zerstörten, von Alkohol und Gewalt geprägten Familie aufwuchs, habe aus Habgier gehandelt, so die Vorsitzende Richterin in ihrer mündlichen Urteilsbegründung. Seine beiden Mittäter Maik K. und Uwe Sch. werden wegen schweren Raubes mit Todesfolge und schwerer Körperverletzung zu sechs bzw. viereinhalb Jahren verurteilt. Thomas F. wird von der Haupttat freigesprochen, da er nach Auffassung der Richterin zu betrunken war und apathisch im Auto saß.8

In ihrer mündlichen Urteilsbegründung spricht die Richterin von Ohnmacht angesichts der rechten Straßengewalt. Auch wenn ein politischer Hintergrund der Tat nicht nachweisbar ist, so spielt die damalige Zeit, als gewalttätige rechte Skinheads ein wesentlicher Bestandteil der Jugendkultur waren, eine große Rolle. Die rechte Szene besaß zumindest gefühlt die Macht auf der Straße und hatte kaum Angst vor Strafverfolgung. Die Tätergruppe, eine Neonaziclique, war Teil dieser Szene.9

Nach Bewertung der neuen Informationen durch die im Sommer 2015 veröffentlichte Studie des Moses Mendelssohn Zentrums ist davon auszugehen, dass der Mord von Gunther Marx zwar nicht politisch motiviert war, sondern als nichtpolitische Kriminalität der rechten Täter zu bewerten ist. Es ist nicht auszuschließen, dass die rechte Einstellung der Täter, zu der die Rechtfertigung und Ausübung von Gewalt gehört, die Brutalität der Tat beeinflusste.

Das Gedenken

Das Entsetzen in der Stadt ist groß. Viele fühlen sich seit langem von den Rechten drangsaliert. Eine Woche nach dem brutalen Mord, am 13.08.1994, werden rund 500 Menschen an einem Schweigemarsch für Gunter Marx teilnehmen. Der örtliche Pfarrer ermutigt die TeilnehmerInnen, das Schweigen zu brechen: „Wir müssen lernen, über unsere Angst zu reden!“ sagt er beim Gedenken in der Viktoriastraße.10

Die Quelle

1 Vgl den Artikel Problemaufriss Kameradschaften, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Hinter- und Vordergründe der brandenburgischen Neonaziszene, Berlin 2013, S. 7
2 Marcus Reinrt/Judith Porath: Kontinuitäten in Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin. Rechte Gewalt im Fokus. In: Kopke (Hg.): Angriff auf die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen, Metropol, 2014, S. 97-108
3 Olaf Sundermeyer: Rechter Terror in Deutschland, 2013, S. 98-99
4 Susanne Lenz, Zehn Jahre muß der Haupttäter hinter Gitter. Hohe Strafen für Mord an einem Veltener Radfahrer, in: Berliner Zeitung v. 20.05.1995
5 "Du Schwein hast kein Geld?", in: taz Nr. 4624 v. 20.5.1995
6 Niemand ist vergessen.
7 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 93
8 Susanne Lenz, Zehn Jahre muß der Haupttäter hinter Gitter. Hohe Strafen für Mord an einem Veltener Radfahrer, in: Berliner Zeitung v. 20.05.1995
9 Katrin Zimmermann, Was der gemacht hat, war doch echt scheiße, in: Berliner Zeitung v. 18.08.1994
10 Trauer um Neonazi-Opfer. Schweigemarsch zum Gedenken an den erschlagenen Gunter Marx, in: taz Nr. 4391 v. 15.8.1994