Rolf Schulze

Über Rolf „Rolli“ Schulze ist leider wenig bekannt, zum Todeszeitpunkt war er 52 Jahre alt. [1] Zuletzt wohnte er in dem kleinen Örtchen Genshagen, einem Ortsteil von Ludwigsfelde. [2] Rolf Schulze lebte wahrscheinlich auf der Straße und war dadurch wiederholt Opfer (neo)nazistischer Gewalt geworden. So kannte er durch mehrere Gaststättenbesuche seine drei Mörder [3]. Gegen eine Obdachlosigkeit Rolf Schulzes sprechen unter anderem Artikel des Tagesspiegels und der Berliner Zeitung, in denen geschrieben wurde, dass die Täter ihn „unter dem Vorwand, ihn nach Hause fahren zu wollen“ [4] in ein Auto lockten. Auch gaben die Täter bei der Gerichtsverhandlung an, Rolf Schulze mehrfach in seiner Wohnung verprügelt zu haben. [5] Leider lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht überprüfen, ob Rolf Schulze in einer Wohnung lebte. [6] In der lokalen (neo)nazistischen Szene war er abwertend als „Assi-Schulze“ bekannt. [7] Auch bleiben noch viele Fragen zum Leben von Rolf Schulze offen, denn in den zahlreichen Zeitungsartikeln stehen hauptsächlich die drei Täter im Fokus. Hiermit bitten wir ehemalige WeggefährtInnen bei Interesse den Kontakt mit uns aufzunehmen, um mehr über Rolf Schulze und sein Leben zu erfahren.

DIE TAT

In der Nacht vom 06. zum 07. November 1992 schläft der 52-jährige Rolf Schulze auf einer Bank auf dem Bahnhof Schönefeld bei Berlin. Die beiden Nazi-Skinheads Daniel K. und Thomas S. finden ihn dort. [8] Sie kommen gerade aus einer nahegelegenen Diskothek in Rangsdorf und wollen auf dem Bahnhof „auf Patrouille gehen“, „Frust ablassen“ und „Penner verscheuchen“ [9]. Sie wecken den schlafenden Mann auf und locken ihn, unter dem Vorwand, ihn nach Hause fahren zu wollen, in ein zuvor gestohlenes Auto. Anschließend holen sie ihren Freund Marco W. ab. Während ihrer zunächst ziellosen Fahrt gelangen sie auf die A10 Richtung Westen. Ihre erste Idee ist es, Schulze bei einer Toilettenpause auf einem Autobahnparkplatz zusammenzuschlagen und dort liegen zu lassen. Es ist Marco W.s Idee, es „wenn dann richtig zu machen“ [10]. Sie fahren zum in der Nähe von Lehnin gelegenen Kolpinsee. Vermutlich, weil sie ihn als beliebten Treffpunkt (neo)nazistischer Jugendlicher kennen. [11] Dort beginnt das langsame und qualvolle Sterben von Rolf Schulze.

Als Daniel K.s Versuch, Rolf Schulze mit einem „Karatetritt“ [12] umzubringen, misslingt, beschließen sie, dass jeder von ihnen „20 Tritte frei hätte“ [13]. Sie treten mit ihren Springerstiefeln auf das wehrlose Opfer ein. Anschließend holt Marco W. eine 5 kg schwere Propangasflasche aus dem Auto und wirft sie mehrmals auf den Kopf von Rolf Schulze. [14] Im Anschluss sind Daniel K. und Thomas S. an der Reihe, auch sie schlagen mit dem schweren Gegenstand mehrmals auf ihr Opfer ein. Mittlerweile ist Schulze bewusstlos. Daniel K. schleift ihn an das nahe gelegene Seeufer und drückt den Kopf „drei bis fünf Minuten“ [15] mit dem Stiefel unter Wasser. Laut Thomas S. atmet Rolf Schulze zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, Daniel K. hingegen bestreitet dies später gegenüber der Polizei und ist der Überzeugung, er hätte noch geröchelt. Dieses kleine Detail ist besonders wichtig, weil Marco W. anschließend einen Benzinkanister aus dem Auto holt und Rolf Schulze mit Benzin übergießt. Thomas S. zündet ihn mit seinem Feuerzeug an. [16] Anschließend steigen die Täter in das Auto und fahren nach Hause. Rolf Schulze lassen sie am Ufer liegen. Die Leiche wird am 07. November von einen Angler am südlichen Badestrand des Kolpinsees gefunden. [17] Erst Tage später gelingt es, das Opfer zu identifizieren.
Bei der Obduktion kann festgestellt werden, dass sich 30 Verletzungen im Kopfbereich befinden. Gestorben ist Rolf Schulze durch Ertrinken, doch auch die Tritte im Kopfbereich, sowie das Anzünden hätten zum Tode geführt. [18]

Alle drei Täter gehören zur Wehrsportgruppe „Schönefelder Sturmtruppe“. Daniel K. und Thomas S. sind zum Tatzeitpunkt Mitglieder der Ludwigsfelder Ortsgruppe der „Nationalistischen Front“. [19]

DAS GERICHTSVERFAHREN

Obwohl die Täter „sehr eindeutige rechte Bekenntnisse“ ablegen, wird von der Polizei ein „politisches Motiv eindeutig ausgeschlossen“. [20]
Der Gerichtsprozess gegen Thomas S. und Daniel K. findet im Juli 1993 am Potsdamer Bezirksgericht statt. Das Verfahren von Marco W. wird abgetrennt, da sein Pflichtverteidiger nicht erscheint. Es findet im September 1993 statt. [21]

Beide Angeklagten schildern im Gerichtsverfahren völlig teilnahmslos den brutalen Tathergang. Dabei machen sie auch aus ihrer neonazistischen Haltung keinen Hehl. Während der Verhandlung äußert Thomas S. unter anderem, Rolf Schulzes „Anblick paßte nicht in mein Weltbild“ und Daniel K.: „So einer hat kein Recht, unter der strahlenden Sonne zu leben“ [23]. Das Gericht verurteilt Thomas S. zu sieben Jahren Haft und Daniel K. zu neun Jahren Jugendstrafe wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niedrigen Beweggründen. Die zum Tatzeitpunkt erhebliche Alkoholisierung wird dabei strafmildernd berücksichtigt. Das Gericht folgt damit weitgehend dem vorgeschlagenen Strafmaß der Staatsanwaltschaft. Wegen des äußerst brutalen Vorgehens der Täter verändert der Vorsitzende Richter die Anklage von „gemeinschaftlichem Totschlag“ in „Mord wegen niederer Beweggründe“ [22].

Marco W.s Verhandlung findet im September 1993 statt, er zeigt als einziger Reue und wird zu sechseinhalb Jahren nach Jugendstrafrecht verurteilt. [24]
Daniel K. gehört anschließend zu einer neunköpfigen Gruppe Nazi-Skinheads, die am 08. Dezember 1993 aus dem Gefängnis „Schwarze Pumpe“ bei Spremberg ausbrechen. [25] Sie können jedoch alle am darauffolgenden Tag gefasst werden [26]. Anschließend wird er in den Jugendstrafvollzug in der JVA Wriezen verlegt. Dort betreibt er offen (Neo)nazipropaganda und drangsaliert seine Mithäftlinge. Aus diesem Grund wird 1998 seine Jugendstrafe in eine Erwachsenenstrafe umgewandelt, die verbleibende Zeit verbringt er dann in der JVA Brandenburg/Havel [27]. Ab 1997 betreut ihn die seit 2011 verbotene „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“. Nach seiner Entlassung verliert sich auch seine Spur, weitere (neo)nazistische Aktivitäten können jedoch nicht ausgeschlossen werden. [28]

Der Text mit freundlicher Genehmigung und mit leichten Änderungen von der Internetseite NIEMAND IST VERGESSEN übernommen.

Das Gedenken

Erstmals nach zwanzig Jahren fand am 07. November 2012 eine Gedenkkundgebung für Rolf Schulze statt. Unter dem Motto „Niemand ist Vergessen“ versammelten sich rund 50 Menschen auf dem Markgrafenplatz in Kloster Lehnin.

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Die Quellen

[1] MAZ, 30.01.2013
[2] Berliner Morgenpost, 27.11.1992, MAZ, 30.01.2013
[3] Tagesspiegel, 27.11.1992
[4] Tagesspiegel, 02.07.1993; Berliner Zeitung, 02.07.1993
[5] Tagesspiegel, 02.07.1993
[6] TAZ, 09.07.1993
[7] Berliner Zeitung, 02.07.1993
[8] TAZ, 27.11.1992
[9] Berliner Zeitung, 02.07.1992; Berliner Morgenpost, 09.07.1993
[10] Berliner Zeitung, 09.07.1993
[11] Tagesspiegel, 27.11.1992
[12] Berliner Zeitung, 02.07.1993
[13] TAZ, 07.09.1992
[14] Berliner Zeitung, 02.07.1993
[15] Berliner Zeitung, 02.07.1993
[16] Berliner Zeitung 02.07.1993; Morgenpost, 09.07.1993
[17] Berliner Morgenpost, 27.11.1992
[18] Berliner Zeitung, 09.07.1993
[19] Tagesspiegel, 02.07.1993, Berliner Morgenpost, 27.11.1992
[20] TAZ, 27.11.1992
[21] Frankfurter Rundschau, 02.07.1993
[22] Berliner Zeitung, 02.07.1993
[23] Berliner Morgenpost, 09.07.1993
[24] Berliner Zeitung, 10.09.1993
[25] Berliner Kurier, 10.12.1993
[26] Tagesspiegel, 11.12.1993
[27] Antifaschistisches Infoblatt 46, 1999; Feuer & Sturm 6, 1998
[28] HNG Nr. 205, 1998
[29] Antifaschistisches Netzwerk Brandenburg-Premnitz-Rathenow, 08.11.2012: Gedenken an Rolf Schulze.