Opferperspektive Brandenburg

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Sven Beuter

15. Februar 1996

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Sven Beuter
Foto: privat

Seine Kindheit verbringt Sven Beuter unter anderem im Heim. Die Beziehung zu seinem Vater ist schwierig. [1] Er erlernt den Beruf des Dachdeckers und hält sich anschließend mit Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe über Wasser. Bis zu seinem Tod gehört der Punk mit dem grünen Irokesenschnitt zur Punkszene in Brandenburg an der Havel.

Sven Beuter wird wiederholt Opfer neonazistischer Übergriffe. [2] So wird er 1993 mit Baseballschlägern angegriffen und erleidet einen Schädelbruch. Als Folge muss er in der Nervenklinik in Brandenburg an der Havel unter anderem das Sprechen neu erlernen. [3] Nach diesem Angriff ist er leicht geistig behindert. [4] Bei einem weiteren Angriff im Jahre 1994 wird sein rechter Arm derart verletzt, dass er ab diesem Zeitpunkt steif bleibt. [5]

DIE TAT

Sven Beuter sitzt am Abend des 15. Februar 1996 gemeinsam mit Freunden in seiner Wohnung in der Grabenstraße in Brandenburg an der Havel. Sie trinken Bier und schauen Fernsehen. Als das Bier alle ist, machte sich der 23-Jährige mit seinem weißen Stoffbeutel auf, um neues zu holen. Auf der Straße trifft er zufällig auf Sascha L. Der stämmige Naziskinhead hat vorher mit zwei Freunden in einer Kneipe gezecht. Der betrunkene Skinhead identifiziert sein Gegenüber als “linke Zecke“. Im späteren Gerichtsverfahren wird L. aussagen, Sven Beuter hätte ihn als „Nazischwein“ beschimpft [6].

Diese Beschimpfung hätte er nicht dulden wollen. Weil der stämmige Skinhead zwei Wochen zuvor zusammengeschlagen worden war, geht er auf den schmächtigen, nur 43 kg schweren Sven Beuter los. Dieser hat keine Chance sich zu Wehr zu setzen. Sascha L. schlägt auf sein Opfer ein. Typische Abwehrspuren an den Armen können später von der Gerichtsmedizin nicht dokumentiert werden. Anschließend zerrt der Neonazi Sven Beuter rund 50 m hinter sich her, um ihn dann in der Havelstraße weiter mit Schlägen und Tritten zu malträtieren. Hier greifen zwei Männer ein. Durch scheppernden, dumpfen Lärm „wie, wenn jemand ein Auto anstößt“ wären sie aufmerksam geworden. Auf dem Gehsteig befindet sich eine Blutlache von einem halben Meter Durchmesser, daneben verläuft eine rote Schleifspur durch den Schnee. So schildern die beiden Zeugen später vor Gericht die Kulisse, der sie in der Nacht des 15. Februar 1996 in der Innenstadt von Brandenburg/Havel begegnen. Um die Ecke, in einer Seitenstraße schließlich die Quelle des Lärms: Ein Glatzkopf, der ohne Unterlass auf sein Opfer eintritt. Die beiden Personen greifen couragiert ein, überwältigen den Täter und halten ihn fest, bis die Polizei eintrifft. [7]

Die Polizisten kontrollieren jedoch erst die Personalien der Helfer bevor sie einen Krankenwagen für den schwer verletzten Sven Beuter rufen. Der Täter wird mit auf die Polizeiwache genommen, um ihm Blut abzunehmen. Anschließend kann er wieder gehen. [8] Der eintreffende Rettungswagen bringt den völlig unterkühlten Schwerverletzten ins Krankenhaus. Die unglaubliche Brutalität, mit der der Täter handelte, wird am Verletzungsbild deutlich: Hirnquetschung, Schädelbrüche, die Milz gerissen, die Leber angerissen, Gehirnschwellung, Kieferbruch und viele weitere. Nach fünf Tagen Todeskampf im Koma verstirbt Sven Beuter am 20. Februar 1996. [9] Erst nach dem Tod seines Opfers wird Sascha L. verhaftet. [10]

DIE VERHANDLUNG

Polizeipräsidium und Staatsanwaltschaft geben nur eine kurze Mitteilung zum Tod des Punks ab und stellen das Verbrechen als unpolitisches Delikt dar. Erst Monate später wird der tatsächliche Hintergrund der Tat öffentlich bekannt. Auch der Verfassungsschutz Brandenburg ordnet die Tat völlig falsch ein und meint lapidar, in Brandenburg an der Havel habe die „Rivalität zwischen gewaltbereiten Jugendgruppen“ ihren Ausdruck gefunden. Der Prozess gegen den zum Tatzeitpunkt 21-jährigen Sascha L. vor dem Landgericht Potsdam beginnt am 4. November 1996 und dauert nur drei Verhandlungstage. Die Anklage lautet auf Mord. [11]

Durch einen Zeugen, einen Freund L.s, kann eindeutig bewiesen werden, dass L. zur neonazistischen Szene in Brandenburg an der Havel gehört. [12] Auch seine zahlreichen anderen Straftaten zeichnen ein eindeutiges Bild, so bekam er Anzeigen wegen verschiedener rechter Straftaten. [13] Laut dem Urteil des Gerichtsmediziners, erinnern ihn die Verletzungen eher an einen schweren Autounfall und nicht an eine Schlägerei. [14] Sven Beuter wies keine Abwehrverletzungen auf. Die Gerichtsmedizin schlussfolgert, dass L. sein Opfer zu Beginn des Angriffs bewusstlos geschlagen und anschließend weiter auf ihn eingeschlagen und getreten haben muss. [15]

Zwei Gutachter loben L.s sehr gute Führung und Kooperation im Gefängnis. Wegen seiner Trunkenheit, der Skinhead hatte zum Tatzeitpunkt 2,33 Promille im Blut, erklären sie ihn für vermindert schuldfähig. [16] Der Vertreter der Jungendgerichtshilfe setzt sich für L. ein, stellt ihm eine positive Prognose aus und appelliert an das Gericht, ein mildes Urteil zu verhängen. Daraufhin rückt die Staatsanwältin von der Mordanklage ab und forderte insgesamt acht Jahre wegen Totschlags. [17]

Das Landgericht Potsdam verurteilt den Täter wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. Niedrige Beweggründe als Mordmotiv können ihm laut Gericht nicht eindeutig nachgewiesen werden. Der Richter bescheinigt ihm eine „diffus faschistische Weltanschauung“ [18].

Sascha L. ist auch heute noch Mitglied der extrem rechten Szene. So nahm er 2011 und 2012 an verschiedenen Neonaziaufmärschen bzw. NPD-Demonstrationen teil.[19]

Der Text basiert zum großen Teil auf dem Beitrag über Sven Beuter im Internetblog für die Brandenburger Todesopfer rechter Gewalt. Zu finden untere: http://jwp-mittendrin.de/niv/opfer-rechter-gewalt/

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Die Quellen

[1] http://www.torsten-graenzer.de/zum-gedenken-an-sven-beuter.html
[2] http://www.opferfonds-cura.de/zahlen-und-fakten/erinnerungen/februar/sven-beuter/
[3] Bericht eines Prozessbeobachters, Name ist bekannt; MAZ, 18.02.1997
[4] Tagesspiegel, 01.11.1996
[5] …hinter den Kulissen 3/96, S. 27; Tagesspiegel, 12.11.1996
[6] Junge Welt, 05.11.1996
[7] …hinter den Kulissen 3/96, S. 27
[8] Junge Welt, 07.03.1996
[9] Bericht eines Prozessbeobachters, Name ist bekannt
[10] Märkische Allgemeine Zeitung, 23.02.1996, Tagesspiegel, 11.01.1996
[11] …hinter den Kulissen 3/96, S. 27, MAZ, 05.11.1996
[12] Tagesspiegel, 05.11.1996
[13] Tagesspiegel, 01.11.1996
[14] …hinter den Kulissen 3/96, S. 28; Tagesspiegel, 01.11.1996
[15] …hinter den Kulissen 3/96, S. 27
[16] Tagesspiegel, 12.11.1996; Bericht eines Prozessbeobachters, Name ist bekannt.
[17] …hinter den Kulissen 3/96, S. 28
[18] …hinter den Kulissen 3/96, S. 28; MAZ, 12.11.1996
[19] http://afn.blogsport.de/2012/03/31/neonaziaufmarsch-in-brandenburg-an-der-havel-gestoppt/;
http://havelstadt.de/leserbriefe/12695-dgb-kreisverband-nimmt-stellung-zum-naziaufmarsch