Opferperspektive Brandenburg

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Wolfgang Auch

16. September 1991

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Die Person

Wolfgang Auch wird 1963 geboren. 1991 lebt der gelernte Installateur in Schwedt/ Oder. Immer wieder wechselt er den Arbeitgeber und ist aufgrund verschiedener Probleme mehrfach in stationärer Behandlung. In der Landesnervenklinik Eberswalde diagnostizieren ihm die behandelnden Ärzte Alkoholismus und paranoid-halluzinatorische Schizophrenie.

Der Ort

Schwedt/ Oder ist Anfang der 1990er Jahre eine Hochburg der extremen Rechten. Die organisierte rechten Szene besteht aus mehreren hundert Aktivisten. [1] 1991 sind Übergriffe der rechten Szene auf die Rapper-, Raver- und linke Szene die Regel. Treffpunkte von Linken werden mehrfach Ziel von rechten Angriffen. Die Jugendclubs der Stadt sind von Neonazis und rechten Jugendlichen okkupiert. Jene Clubs, die sich dem Druck nicht beugen wollen, werden angegriffen. Über Jahre wird die rechte Szene in Schwedt/ Oder nicht als Problem, sondern als Gesprächspartner gesehen. Nach dem gewaltsamen durch Neonazis verursachten Tod von Gerd Himmstädt im Dezember 1991 zum Beispiel gibt der Rechtsdezernent der Stadt Schwedt/ Oder zu Protokoll, erst einmal mit den Rechten sprechen zu wollen, um von ihnen zu erfahren, was vorgefallen sei. Ebenfalls erhält die rechte Szene nach Verhandlungen mit der Stadt einen eigenen Jugendklub mit dem Namen „Hit-Keller“. Dieser wird erst nach öffentlichen Protesten wieder geschlossen. [2]

Die Tat

Am 16. September 1991 treffen sich Kinder und Jugendliche am Spiel- und Tobeplatz des Wohnkomplexes VI in Schwedt/ Oder. Einer der Täter bezeichnet diesen Ort in seiner Vernehmung als Treffpunkt der jungen rechten Szene von Schwedt. [3] Der Großteil der Tatbeteiligten sieht sich als Teil der rechten Clique. Gegen 18 Uhr sind mehr als zwei Dutzend von ihnen auf dem Platz versammelt. Wolfgang Auch nähert sich aus Richtung der nahegelegenen Gaststätte „Bangla“. Er ist stark alkoholisiert und wirkt auf die Jugendlichen, als würde er „nicht mehr ganz richtig im Kopf sein“. Sie empfinden seine Bewegungen als nicht normal und sprechen ihn an. Daraufhin setzt er sich zu ihnen auf die Mauer einer Blumenrabatte. Erfolglos bittet er die Jugendlichen um eine Zigarette. Aus ihrer Perspektive redet er „zusammenhanglose Sätze“. [4] Die Jugendlichen bilden einen Halbkreis um den Mann. Es kommt zu einem nicht näher definierten Schubser, infolgedessen Wolfgang Auch rücklings in die Blumen fällt. Er gibt an, es mit ihnen aufnehmen zu können, da er Karate beherrsche. Die Jugendlichen werden später bei der Polizei aussagen, dies als Provokation und die Situation als Stärkemessen empfunden zu haben. Da sich Wolfgang Auch bedroht fühlt, will er aus dem Halbkreis heraustreten. Zwei der Jugendlichen rempelt er dabei versehentlich an.

Damit beginnen die Angriffe der Jugendlichen auf den wehrlosen Mann. Sie schlagen Wolfgang Auch ins Gesicht, treten ihm in den Bauch- und Brustbereich. Zwar versucht er zu fliehen, doch nur wenige Meter weiter fällt er zu Boden. Die Jugendlichen treten weiter auf ihn ein. Zwei der Täter urinieren auf den am Boden liegenden Mann. Der gerade einmal 13jährige Daniel K. tritt mit seinen Stahlkappen-Schuhen so schwer gegen den Kopf, dass dieser Tritt laut Gerichtsurteil die Hirnverletzungen hervorruft, die zum späteren Tod von Wolfgang Auch führen. [5]

Aus einem Gebüsch wird ein alter Sessel geholt. Die Jugendlichen fordern den blutenden Mann auf, sich in diesen zu setzen und geben ihm die anfangs erbetene Zigarette. Nun wollen sie ihn verhören und fragen, wie er Hitler und Honecker findet. Anfangs sagt er, er fände Hitler beschissen und Honecker gut. Seine Antwort missfällt ihnen und Veit S. schlägt Wolfgang Auch mit einem Stock auf die Unterarme, welche dieser sich vor das Gesicht hält. Bei erneuten Fragen reagiert der Gepeinigte so, wie Veit Z. es hören will – Hitler findet er gut, Honecker schlecht. Robert B. steht hinter Wolfgang Auch. Er zieht eine Gaspistole, hält diese Wolfgang Auch kurzzeitig an die Schläfe. Anschließend schlägt er mit dem Kolben auf den Hinterkopf. Drei der Jugendlichen halten B. jedoch von weiteren Schlägen ab. Der Anfangs unbeteiligte Daniel S. will der Gewalt nicht mehr nachstehen und fragt, ob ein Tritt mit seinen Turnschuhen denn überhaupt schmerzhaft sei. Lars C. erwidert, dass S. dies testen solle. Er tritt gegen den Rumpf, verletzt sich dabei allerdings selbst. Inzwischen wird Wolfgang Auch wieder zu Boden gebracht und Veit S. springt auf dessen Körper. Er sowie Lars C. halten Robert B. aufgrund seines schweren Körpergewichts davon ab, ähnliches zu tun. Nachdem ihr Opfer regungslos und aus Mund und Nase blutend am Boden liegen bleibt, entfernen sich die meisten Jugendlichen. Einzig Robert B. und Daniel S. bleiben am Tatort. Sie verständigen einen Krankenwagen. Robert B. bleibt nach Aussage eines Zeugen nur vor Ort, damit er später sagen könne, „er habe sich noch um den Mann gekümmert“. [6] Nach der Verständigung verstecken sie sich in einem nahegelegenen Busch und beobachten die Rettungskräfte, die gegen 21:30 Uhr eintreffen. Diese bringen Wolfgang Auch ins Krankenhaus. Er verstirbt eine Woche später am 22. September 1991 in Folge der Hirnverletzungen.

Das Verfahren

Erst im März 1993 verurteilt das Bezirksgericht Frankfurt (Oder) sieben der Täter zu Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten und zwei Jahren. Daniel K., der den tödlichen Tritt gegen dem Kopf geführt haben soll, ist aufgrund seines Alters nicht strafmündig. Veit S. bekommt die höchste Strafe mit zwei Jahren auf Bewährung. Das Gericht erkennt bei ihm eine gestörte Persönlichkeitsstruktur und würdigt zu seinem Gunsten, dass er einige Tage vor der Tat von seinem Vater auf die Straße geworfen worden war. Das Gericht billigt Veit S. daher eine verminderte Schuldfähigkeit zu. Lars C. steht als einziger unter leichtem Alkoholeinfluss, was laut Gericht allerdings keine Verminderung der Einsichtsfähigkeit bedeutet. Das Gericht, wie auch die Staatsanwaltschaft gehen nicht von einer rechten Tat aus. Laut Staatsanwalt kam eine politische Motivation erst nach dem Tritt des K. und im Zusammenhang mit dem „Verhör“ hinzu. Vor Gericht spielen rechte Bezüge keine Rolle, trotz Stellungnahme der Jugendgerichtshilfen und psychologischen Gutachten, welche die Täter klar in der rechten Szene der Stadt Schwedt/ Oder verorten. [7]

Das Gedenken

Ein öffentliches Gedenken hat bisher nicht stattgefunden.

Die Quellen

[1] Vgl den Artikel Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 57-65
[2] ebd.
[3] Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 38
[4] ebd., S. 31
[5] ebd., S. 32
[6] ebd., S. 36
[7] ebd., S. 34-37