Wolfgang Auch

Die Person

Wolfgang Auch (geb. 1963), der gelernte Installateur lebt in Schwedt (Uckermark). Seine späteren Täter werden ihn für einen Obdachlosen halten; er ist es nicht. Immer wieder wechselt er den Arbeitgeber und ist aufgrund verschiedener Probleme mehrfach in stationärer Behandlung. In der Landesnervenklinik Eberswalde diagnostizieren Ärzte bei ihm sowohl Alkoholismus wie auch paranoid-halluzinatorische Schizophrenie.

Der Ort

Schwedt ist Anfang der 1990er Jahre eine Hochburg der extremen Rechten. Ein antifaschistisches Recherchemagazin berichtet nachträglich von einer organisierten rechten Szene mit mehreren hundert Aktivisten.1 Laut dem 1994 erschienenen Heft wurden mehrere Jugendklubs durch Rechte besetzt. Die Clubs, die sich dem Druck nicht beugen wollten, wurden angegriffen und ihre Nutzung durch schwerste Beschädigungen verunmöglicht. Zur Tatzeit sind Übergriffe der rechten Szene auf die hiesige Rapper-, Raver- und linke Szene eher die Regel, als die Ausnahme. Auch Treffs von Linken im Umfeld der Stadt Schwedt werden mehrfach Ziel von Angriffen der Neonazis. Lange Zeit wird die rechte Szene in Schwedt nicht als Problem, sondern eher als Gesprächspartner gesehen. Nach der Tötung von Gerd Himmstädt in Hohenselchow am 01.12.1991 durch Neonazis gibt der Rechtsdezernent der Stadt Schwedt zu Protokoll, erst einmal mit den Rechten sprechen zu wollen, um von ihnen zu erfahren, was vor Ort vorgefallen sei.
Ebenfalls erhält die rechte Szene nach Verhandlungen mit der Stadt einen eigenen Jugendklub mit dem Namen „Hit-Keller“. Dieser wird erst nach öffentlichen Protesten wieder geschlossen.2

Die Tat

Am 16.09.1991 treffen sich Kinder und Jugendliche am Spiel- und Tobeplatz des Wohnkomplexes VI in Schwedt/Oder. Einer der späteren Täter, Veit Sz., bezeichnet diesen Ort als Treffpunkt der jungen rechten Szene von Schwedt und sich selbst als dieser angehörig.3 Der Großteil der späteren Tatbeteiligten sieht sich als Teil der rechten Clique, nur wenige gehören anderen, nicht-rechten Subkulturen an, z.B. Daniel Schü. und Oliver Ob. – beide verorten sich nach eigenen Angaben in der Hip-Hop-Szene.

Nachdem gegen 18 Uhr mehr als zwei Dutzend von ihnen auf dem Platz versammelt sind, kommt Wolfgang Auch aus Richtung der nahegelegenen Gaststätte „Bangla“ hinzu. Er ist alkoholisiert und wirkt auf die Jugendlichen, als würde er „nicht mehr ganz richtig im Kopf sein“. Sie empfinden seine Bewegungen als nicht normal und sprechen ihn an. Daraufhin setzt er sich zu ihnen auf die Einfassungsmauer einer Blumenrabatte. Er bittet die Jugendlichen um eine Zigarette. Sie geben ihm keine. Aus ihrer Perspektive redet er „zusammenhanglose Sätze“.4 Diese sind vermutlich Folge einer psychischen Erkrankung. Auch meint, er würde von Gott geheilt werden und durch ihn Wärme empfangen. Zum Beweis schneidet er sich in den Unterarm und gibt vor, dass diese Wunde am nächsten Tage verheilt werden sei.
Die Jugendlichen bilden um den Mann einen Halbkreis. Dabei kommt es zu einem nicht näher definierten Schubser, infolgedessen Wolfgang Auch rücklings in die Blumen fällt. Er gibt an, es mit ihnen aufnehmen zu können, da er Karate beherrsche. Die Jugendlichen werden später auf der Polizei aussagen, dies als Provokation und die Situation als Stärkemessen empfunden zu haben. Keine unübliche Praxis, um die späteren Taten zu rechtfertigen. Da sich Auch bedroht fühlt, will er aus dem Halbkreis heraustreten. Zwei der Jugendlichen rempelt er dabei an – vermutlich, da die sie dicht beieinander stehen.

Damit beginnen die Angriffe der Jugendlichen auf den wehrlosen Mann. Sie schlagen Auch ins Gesicht, treten ihm in den Bauch- und Brustbereich. Zwar versucht er zu fliehen, doch nur wenige Meter später kommt er auf einer Wiese zu Fall, auf der er weiterhin getreten wird. Oliver Ob. und Veit Sz. urinieren auf den am Boden liegenden Mann.
Der gerade einmal 13jährige Daniel Ku. tritt mit Springerstiefeln mit voller Wucht von hinten gegen den Kopf – dieser Tritt soll laut Gerichtsurteil die Hirnverletzungen hervorgerufen haben, die zum späteren Tod führen werden.5

Aus einem Gebüsch wird ein alter Sessel geholt. Die Jugendlichen fordern den blutenden Mann auf, sich in diesen zu setzen, und geben ihm die anfangs gebetene Zigarette. Nun wollen sie ihn verhören und fragen, wie er Hitler und Honecker findet. Anfangs sagt er, er fände Hitler beschissen und Honecker gut. Seine Antwort missfällt ihnen und Veit Sz. schlägt Auch mit einem dünnen Stock auf die Unterarme, welche dieser sich vor das Gesicht hält. Bei erneuten Fragen reagiert Auch so, wie es die Jugendlichen hören wollen – Hitler findet er gut, Honecker schlecht.
Robert Bu. steht hinter Auch. Seinen Fuß legt er auf die Rückenlehne, so dass er mit der Sohle immer wieder leicht gegen den Hinterkopf des Gequälten tritt. Er zieht eine Gaspistole, hält diese Auch kurzzeitig an die Schläfe. Anschließend schlägt er mit dem Kolben auf den Hinterkopf. Drei der Jugendlichen halten Bu. jedoch von weiteren Schlägen ab.
Der Anfangs unbeteiligte Daniel Schü. will der Gewalt und Gruppendynamik nun nicht mehr nachstehen und fragt, ob ein Tritt mit seinen Turnschuhen denn überhaupt schmerzhaft sei. Lars Ch. erwiderte, dass Schü. dies testen solle. Er tritt gegen den Rumpf, verletzt sich dabei allerdings selbst, und humpelt im weiteren Verlauf des Abends.

Inzwischen wird Auch wieder zu Boden gebracht und Veit Sz. springt auf dessen Körper. Er, sowie Lars Ch. halten Robert Bu. davon ab, ähnliches zu tun. Bu.s Körpergewicht, so ahnen es die beiden, könnte zum Tod von Wolfgang Auch führen. Nachdem ihr Opfer regungslos, aus Mund und Nase blutend, am Boden liegen bleibt, entfernen sich die meisten der Jugendlichen. Einzig Robert Bu. und Daniel Schü. bleiben am Tatort. Sie verständigen einen Krankenwagen. Robert Bu. bleibt nach Aussage eines Zeugen nur vor Ort, damit er sagen werden könne, „er habe sich noch um den Mann gekümmert“.6 Nach der Verständigung verstecken sie sich in einem nahegelegenen Busch und beobachten die Rettungskräfte, die gegen 21:30 Uhr eintreffen.

Sie bringen Wolfgang Auch ins Krankenhaus. Er verstirbt eine Woche später, am 22.09.1991, in Folge der Hirnverletzungen.

Das Verfahren

Erst im März 1993 verurteilt das Bezirksgericht Frankfurt/Oder sieben der Täter zu Bewährungsstrafen zwischen acht Monaten und zwei Jahren. Der achte, Daniel Ku., der den zum Tode führenden Tritt gegen dem Kopf geführt haben soll, ist aufgrund seines Alters nicht strafmündig.
Veit Sz. bekommt die höchste Strafe mit zwei Jahren auf Bewährung. Das Gericht erkennt bei ihm eine gestörte Persönlichkeitsstruktur und würdigt zu seinem Gunsten, dass er einige Tage vor der Tat von seinem Vater auf die Straße geworfen worden war. Das Gericht billigt Veit Sz. daher eine verminderte Schuldfähigkeit zu.
Lars Ch. steht zwar als einziger unter leichtem Alkoholeinfluss, welche laut Gericht allerdings keine Verminderung der Einsichtsfähigkeit bedeutet.

Das Gericht, wie auch die Staatsanwaltschaft gehen nicht von einer rechten Tat aus. Laut Staatsanwalt kam eine politische Motivation erst nach dem Tritt des Ku., der zum späteren Tod führte, hinzu. Vor Gericht spielen rechte Bezüge keine Rolle, trotz Stellungnahme der Jugendgerichtshilfen und psychologischen Gutachten, welche die Täter klar in der rechten Szene Schwedts verorten.7

Das Gedenken

Ein öffentliches Gedenken hat bisher nicht stattgefunden.

Die Quellen

1 Vgl den Artikel Schwedt – Welcome to Terrortown. Die Stadt der FaschistInnen, in: Antifaschistisches AutorInnenkollektiv (Hg.) Hinter den Kulissen … Faschistische Aktivitäten in Brandenburg, Berlin 1994, S. 57-65
2 ebd.
3 Moses Mendelssohn Zentrum, Abschlussbericht des Forschungsprojektes „Überprüfung umstrittener Altfälle Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“, 2015, S. 38
4 ebd., S. 31
5 ebd., S. 32
6 ebd., S. 36
7 ebd., S. 34-37