Opferperspektive Brandenburg

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Amadeu Antonio Kiowa

25. November 1990

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Amadeu Antonio in Eberswalde
Foto: privat

Amadeu Antonio kommt am 3. August 1987 gemeinsam mit weiteren angolanischen Vertragsarbeiter_innen in die DDR. Er möchte Flugzeugtechnik studieren, wird aber zum Fleischer ausgebildet. Er arbeitet im Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde. Mit der „Wende“ ändert sich schlagartig die Situation für die Vertragsarbeiter_innen. Viele verlieren ihren Arbeitsplatz. Durch die Annullierung der Verträge mit den Herkunftsländern ist ihr Aufenthaltsstatus unklar und viele müssen zurück. Amadeu Antonio bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung, weil er und seine Freundin aus Eberswalde ein Kind erwarten. [1]

Die Tat

Den Abend des 24. November 1990 verbringt der 28-Jährige mit Freunden aus Angola und Mosambik im „Hüttengasthaus“. Zu dieser Zeit ist die Gaststätte die Einzige, in der Nichtdeutsche noch willkommene Gäste sind. Die Polizei informiert den Wirt per Telefon, dass eine größere Gruppe Jugendlicher in Anmarsch sei, die Stress machen will. Ihm wird empfohlen das Lokal zu schließen. Daraufhin bricht der Wirt die Veranstaltung ab, fordert seine Gäste auf, nach Hause zu gehen und schließt die Gaststätte. [2]

Als Amadeu Antonio mit Freund_innen das Lokal verlässt, laufen sie der rund 50-köpfigen Gruppe in die Arme. Zu der mit Baseballschlägern und Zaunlatten bewaffneten Meute gehören sowohl Skinheads aus Eberswalde und Umgebung, als auch ganz „normale“ Jugendliche. Ausgehend von der Heavy-Metal-Diskothek „Rockbahnhof“ sind sie bereits längere Zeit durch die Stadt gezogen und haben u.a. einen türkischen Imbisswagen aufgebrochen. Im späteren Gerichtsverfahren geben sie zu Protokoll, ihr Ziel sei es gewesen, „Linke aufzuklatschen“. Auf der Suche nach potenziellen Opfern bewegt sich der Mob zunächst zum „Las Vegas“. Hier sind die Türen geschlossen. Die Gruppe zieht daraufhin weiter zum „Hüttengasthaus“. Dabei skandieren sie Parolen wie „Deutschland den Deutschen“. Als sie Amadeu Antonio und seine Freund_innen sehen, ruft jemand: „Da sind die Neger“. Die Angegriffenen rennen um ihr Leben und versuchen in unterschiedliche Richtungen zu entkommen. Zwei Männer aus Mosambik werden mit Messern schwer verletzt, können dann aber fliehen. Amadeu Antonio selbst schafft es nicht. [3] Rund zehn Leute umringen ihn und schlagen auf ihn ein. Der Baseballschläger wird herumgereicht. Als Amadeu Antonio am Boden liegt, springt einer der Angreifer mit beiden Füßen auf seinen Kopf.

Drei Zivilfahnder beobachten das Geschehen aus der Nähe, trauen sich nach eigenen Angaben jedoch nicht, einzugreifen. 20 vollausgerüstete Polizisten befinden sich ebenfalls in der Nähe, schreiten jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt ein. Amadeu Antonio erleidet schwerste Kopfverletzungen. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, stirbt er am 6. Dezember 1990 an toxischem Multiorganversagen und Hirngewebeblutungen. Am 9. Januar 1991 wird sein Leichnam nach Angola überführt – zwei Stunden nach der Geburt seines Sohnes.

Das Verfahren

Es dauert eineinhalb Jahre, bis die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind. Nur sechs der Täter werden im Januar 1992 von der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) angeklagt. Sie sind zwischen 17 und 20 Jahre alt. Gegen 20 weitere Personen wird ermittelt, weitere Anklagen werden jedoch nicht erhoben. Vor dem Bezirksgericht Frankfurt (Oder) müssen sich zunächst fünf Angeklagte verantworten: der Hauptverdächtige Sven B., Marek J., Ronny J., Steffen H. und Gordon K. Der zweite Hauptverdächtige Kai-Nando B. entzieht sich der Strafverfolgung zunächst durch Flucht. Er ist der Bruder von Sven B. Beide sind im Umfeld der neonazistischen „Nationalistischen Front“ (NF) aktiv. Der Prozess dauert zwei Monate. Die Gerichtsverhandlung wird von einer großen Gruppe rechter Zuschauer verfolgt. Diese sympathisiert offen mit den Angeklagten. Im Gerichtssaal befinden sich ebenfalls Unterstützer_innen der Nebenklage aus antirassistischen Gruppen und Freund_innen von Amadeu Antonio aus der schwarzen Community Eberswaldes. Einige Vertreter_innen der Stadt zeigen wenig Distanz zu den Angeklagten und bringen viel Verständnis für „ihre Jungs“ auf der Anklagebank auf. [4] Die Beweislage ist schwierig. Kai-Nando B. wird in Stuttgart verhaftet. Am letzten Verhandlungstag sagt dieser vor Gericht aus und belastet drei der Angeklagten schwer.

Obwohl im Gerichtsverfahren nachgewiesen wird, dass die Gruppe „Deutschland den Deutschen“ rufend durch die Stadt zog, um „Neger aufzuklatschen“, wertet der aus dem Rheinland stammende Richter den tödlichen Überfall als „jugendtypische Verfehlung“ und „Ritual mit Gruppendynamik“. Im gesamten Prozessverlauf wird der rassistische Hintergrund der Tat systematisch ausgeblendet. Alle Nachfragen des Nebenklagevertreters würgt der Richter ab. Die Verteidigerin Seidel meint lapidar, mit diesen Nachfragen stehle er allen nur die Zeit, es höre eh kaum jemand zu. [5]

Die verhängten Strafen des Gerichts fallen entsprechend niedrig aus. Das Gericht, dass es als erwiesen ansieht, dass Marek J., Steffen H. und Gordon K. an den tödlichen Schlägen und Tritten beteiligt waren, verurteilt sie lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu jeweils vier Jahren Jugendstrafe. Ronny J. gibt zu, Amadeu Antonio geschlagen zu haben, er habe sich dann jedoch von dem Opfer abgewandt. Das Gericht glaubt seinen Ausführungen und verurteilt ihn zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung. Der Hauptverdächtige Sven B. kann den Richter überzeugen, nicht an den tödlichen Schlägen beteiligt gewesen zu sein. Er gibt jedoch zu, eines der anderen Betroffenen mit einem Messer schwer verletzt zu haben. Dafür erhält er eine dreieinhalbjährige Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung sowie Beleidigung und Nötigung. Das Verfahren gegen Kai-Nando B. wird abgetrennt. Im Mai 1993 erhält er eine Jugendstrafe von viereinhalb Jahren.

Auch gegen die drei Zivilpolizisten, die Tatzeugen waren und nicht eingegriffen hatten, wird zunächst ermittelt. 1994 werden diese Ermittlungen jedoch eingestellt. Das zuständige Oberlandesgericht Brandenburg/ Havel befindet, dass die Beamten die Tat zwar beobachtet, sich aber nicht in unmittelbarer Nähe des Tatorts befunden hätten.

Das GEDENKEN

In Erinnerung an Amadeu Antonio wird 1991 eine Gedenktafel am Tatort enthüllt.

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Die Quellen

[1] Barnimer Kampagne Light me Amadeu.: Wer war Amadeu Antonio?
[2] Zeitonline, 10.07.1992: Eberswalde bei Berlin sucht und deckt die Mörder des Angolaners Amadeu Antonio „...die ganzen Neger in der Stadt“.
[3] Amadeu Antonio Stiftung: „Pogromstimmung“ in Eberswalde.
[4] Amadeu Antonio Stiftung: „Rechtsextreme Taten werden als solche nicht anerkannt“
[5] Zeitonline, 10.07.1992: Eberswalde bei Berlin sucht und deckt die Mörder des Angolaners Amadeu Antonio„...die ganzen Neger in der Stadt“.

Rechtsextreme Taten werden als solche nicht anerkannt
29.11.2010

Im Jahr 1990 wurde Amadeu Antonio ermordet. Zehn Jahre später ereilte Alberto Adriano dasselbe Schicksal. Mit dem Rechtsanwalt Ronald Reimann, der in beiden Prozessen die Familien der Opfer vertrat, sprachen wir über die Gerichtsverhandlungen, die Rolle der Justiz und der Öffentlichkeit, damals wie heute.

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Wie haben Sie die Verhandlung um den Mord an Amadeu Antonio wahrgenommen?

Reimann: Die Situation im Gerichtssaal war sehr brisant. Es gab im Publikum eine große Gruppe von eindeutig rechten Zuschauern, die offen mit den Angeklagten sympathisierten – bis hin zur szenetypischen Kleidung wie z.B. Springerstiefel. Daneben haben Leute aus antirassistischen Gruppen und Bekannte von Amadeu Antonio aus der schwarzen Community in Eberswalde gesessen. Auch Vertreter der Stadt waren präsent und haben viel Verständnis für „ihre Jungs“ auf der Anklagebank gezeigt.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Justiz im Prozess?

Staatsanwaltschaft und Gericht haben in weiten Teilen versagt. Es hat über zwei Jahre gedauert bis es zur Verhandlung kam. Im November 1990 wurde Amadeu Antonio ermordet, der Prozess fand erst im Sommer 1992 statt. Die Aufklärung wurde dadurch erschwert, Zeugen konnten sich mit Erinnerungslücken herausreden. Das Verfahren ist nicht mit der Priorität behandelt worden, die bei so einem Vorfall angezeigt gewesen wäre. Der Vorsitzende Richter schien keinen adäquaten Zugriff auf die Zeugen und Angeklagten zu bekommen. Kaugummi kauenden Zeugen warf er Missachtung des Gerichts vor, aber gegen die Skins mit Springerstiefeln im Gerichtssaal unternahm er nichts.

Was dachten Sie nach der Urteilsverkündung?

Im ersten Moment war ich froh, dass es überhaupt zu einer Verurteilung gekommen war. Angesichts der Beweisschwierigkeiten drohte sogar ein Freispruch. Letztlich ist es aber kaum nachvollziehbar, dass hier lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden ist. Das Gericht hatte festgestellt, dass ein Mob durch Eberswalde zog, um „Neger aufzuklatschen“ und sich mit „Deutschland den Deutschen“-Rufen aufheizte. Auf Amadeu Antonio traten eine Vielzahl von Personen ein, als er auf dem Boden lag. Wer sich, wie die damaligen Angeklagten, daran beteiligt, begeht aus meiner Sicht einen Mord aus „niederen Beweggründen“.

Wie sehen Sie die Entwicklung heute?

Im Vergleich zu 1990 hat sich einiges getan. Es gibt Sonderdezernate und Sondereinheiten sowohl bei der Polizei als auch bei der Staatsanwaltschaft, die sich speziell mit Straftaten mit rechtsextremer Motivation beschäftigen. Das Umfeld der Täter wird heute mehr ausgeleuchtet und überprüft. Jedoch werden auch heute viele Taten, die eine eindeutige rechtsextreme Motivation haben, nicht als solche anerkannt. Rechtsextreme Straftaten werden oft verharmlost.

Was kann die Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Betroffenen tun?

Im Jahr 2000, als Alberto Adriano ermordet wurde, spielte die Zivilgesellschaft eine große Rolle, die mit Mahnwachen, Demonstrationen und Lichterketten auf den Mord aufmerksam machte und die Justiz unter Druck setzte, schnell und entschieden zu handeln. Was dann auch Wirkung gezeigt hat. Die Hauptverhandlung wurde nur wenige Wochen nach der Tat durchgeführt, das Oberlandesgericht war zuständig und nicht nur eine Jugendkammer am Landgericht. Die Täter sind wegen Mordes verurteilt worden.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview wurde von Laura Frey für den Opferfond Cura geführt. Wir bedanken uns für die Genehmigung es abzudrucken. Quelle: http://www.opferfonds-cura.de/zahlen-und-fakten/interview-mit-betroffenenanwalt-reimann/