Opferperspektive Brandenburg

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Phan Van Toan

31. Januar 1997

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Neuneinhalb Jahre Haft für Totschlag an Vietnamesen
Quelle: Berliner Zeitung 24.10.1997
DIE TAT

Der 42 Jahre alte Vietnamese Phan Van Toan verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf unverzollter Zigaretten am S-Bahnhof Fredersdorf, einem kleinen Ort nahe Berlin. Etwas abseits des Bahnhofvorplatzes befindet sich in einer alten Lagerhalle die Fahrradaufbewahrung, die vor allem von Berufspendlern genutzt wird. Sie dient auch einer Gruppe von Alkoholikern als Treffpunkt zum Trinken und Zeitvertreib. Einer von ihnen verdient sich ein paar Mark mit der Beaufsichtigung der Räder dazu. Dem Vietnamesen werden immer wieder die Zigaretten aus dem Versteck gestohlen. Als Diebe gelten die Mitglieder der Clique von der Fahrradaufbewahrung. Am Vormittag des 31. Januar 1997 kommt es zum Streit zwischen Phan Van Toan und den Männern. Der Vietnamese stellt sie wegen eines neuerlichen Zigarettendiebstahls zur Rede. Doch die Beschuldigten lassen nicht mit sich reden. Der 36-jährige Uwe Z. schlägt dem schmächtigen Zigarettenhändler ins Gesicht. Dann kommt der 30-jährige Olaf S. dazu. Der über 1.90 m große und 100 kg schwere Mann packt Phan Van Toan an den Hüften, hebt ihn hoch und schlägt seinen Kopf mehrmals mit voller Wucht auf den Steinboden. Phan Van Toan hat keine Chance, sich gegen den bulligen Mann zu wehren. Beim Aufprall bricht er sich zwei Halswirbel. [1]

Die Täter lassen den bewusstlosen Mann am Boden liegen. Seine Freundin, die das Tatgeschehen beobachtet, verständigt einen Krankenwagen. Phan Van Toan wird mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Er liegt mehrere Tage im Koma und ist fortan querschnittsgelähmt. Drei Monate kämpft Phan Van Toan um sein Leben. In einer Rehabilitationsklinik stirbt er schließlich an einem akuten Herz-Kreislauf-Stillstand. [2] Die Obduktion ergibt, dass der Tod die direkte Folge der schweren Misshandlungen war.
 

Fidschi getötet - kein Fremdenhaß?
Quelle: Tagesspiegel 24.10.1997
DAS VERFAHREN

Der Haupttäter Olaf S. bestreitet jeglichen Fremdenhass. Bekannte von ihm sagen aus, er habe sich schon vor der Tat öfter abfällig über Ausländer geäußert. [3] Die Staatsanwaltschaft geht bei dem Angriff auf Phan Van Toan von „Ausländerhass als bestimmendes Motiv“ aus und klagt Uwe S. wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen an. [4]

Der leitende Staatsanwalt spricht im Prozess von „dumpfen Ausländerhass“. Selbst im Prozess äußert der Haupttäter rassistische Parolen wie "Fidschis raus aus Deutschland". [[5] Die 5. Strafkammer am Landgericht Frankfurt (Oder) sieht das rassistische Motiv jedoch nicht als erwiesen an und verurteilt den Haupttäter wegen Todschlags zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren.

In der Urteilsbegründung heißt es: „Soweit überhaupt Wut auf Ausländer eine Rolle gespielt haben sollte, bildete diese jedenfalls nicht das dominante Motiv seines Handelns und war nur darauf gerichtet, daß die Vietnamesen ihren Standplatz etwas mehr abseits von der Fahrradaufbewahrung nehmen sollten.“

[1] taz Nr. 5148, 07.02.1997: Aus Haß in den Rollstuhl geprügelt
[2] Berliner Zeitung, 03.05.1997: Staatsanwaltschaft prüft Anklage wegen Mordes. Mißhandelter Vietnamese gestorben
[3] taz Nr. 5148, 07.02.1997: Aus Haß in den Rollstuhl geprügelt
[4] Die Zeit, 20.03.2013: 152 Schicksale
[5] Ebd.